Agrosprit ("Bio"-Sprit) - nein danke!

Agrokraftstoff wird von unseren Politikern als elegante Maßnahme propagiert, sowohl der zunehmenden Ölverknappung als auch dem Klimawandel zu begegnen. Doch in Wahrheit sieht die Sachlage ganz anders aus: der vermehrte Einsatz des sogenannten "Bio-" besser: Agrosprit hat fatale Auswirkungen - und nützt dem Klima nur wenig bzw. schadet diesem sogar.

Rapsfeld

Die Probleme
Es stimmt zwar, dass bei der Verbrennung von Agrosprit und Pflanzenöl nur soviel CO2 freigesetzt wird, wie die Pflanzen zuvor aufgenommen haben. Aber von Klimaneutralität kann dennoch nicht die Rede sein. Denn man muss in die Bilanz nicht nur die Agrospritverbrennung miteinbeziehen, sondern auch die bei der Agrospritherstellung frei werdenden Klimagase. Bei der Dünger- und Pestizidproduktion, dem Einsatz von Traktoren und vor allem der Verarbeitung der Biomasse zu Sprit wird viel Energie verbraucht. So enthält beispielsweise der Sprit aus Maiskörnern nur ein Viertel mehr Energie, als für seine Herstellung nötig war. Auch die anderen heutigen Biospritvarianten – etwa deutscher Rapsdiesel – sind von Klimaneutralität weit entfernt. Zudem wird in Folge der starken Stickstoffdüngung im Boden Lachgas frei, ein Treibhausgas, welches fast 300 mal so stark zur Klimaerwärmung beiträgt, wie Kohlendioxid.

Wird der Pflanzenrohstoff zur Agrospriterzeugung aus Ländern wie Brasilien, Indonesien und Malaysia importiert, so verschlechtert sich die Klimabilanz noch zusätzlich in zweifacher Hinsicht: Zum einen durch die mit dem langen Transportweg verbundenen Treibhausgasausstöße. Die Klimabilanz für "Bio"diesel aus indonesischem Palmöl sieht beispielsweise sehr schlecht aus: es entstehen fast doppelt so hohe CO2-Emissionen wie bei normalem Diesel. Zum anderen dadurch, dass in den Exportländern oft Regenwald für den Anbau von Energiepflanzen gerodet wird. Dabei wird ein Vielfaches mehr Kohlendioxid freigesetzt, als durch die nachwachsenden Rohstoffe auf der gleichen Fläche je eingespart werden kann. In Indonesien sind es oft Torfwälder, die für die Palmölplantagen weichen müssen. Werden diese Torfwälder entwässert, so trocknen die bis zu 10 Meter dicken und 10 000 Jahre alten Torfschichten aus, zersetzen sich und setzen zusätzliche Mengen an CO2 frei.

Abgesehen von der Tatsache, dass Agrosprit eben keine Patentlösung für den Klimaschutz ist, ist die Erzeugung von Agrokraftstoff derzeit auch noch in ganz anderer Hinsicht sehr problematisch.

Die Monokulturen der Energiepflanzen machen hohe Pestizid- und Düngemitteleinsätze nötig – eine Belastung von Boden und Grundwasser. Auch besteht hier ein Einfallstor für die "grüne" Gentechnik: mit dem Argument "diese Pflanzen werden ja nicht gegessen" könnten großflächig Gen-Raps oder Gen-Soja angebaut werden.

Weiter bestätigen sich zunehmend die Befürchtungen, dass mit dem Agrosprit das Essen der Armen verbrannt wird. Durch die steigende Agrosprit-Nachfrage kommt es zu einer Konkurrenz von Energie- und Nahrungspflanzen um landwirtschaftlich nutzbare Flächen. Und da mit Treibstoffproduktion für die reichen Länder mehr Geld gemacht werden kann, als mit Lebensmittelproduktion für die Armen, ist klar, wer den Kürzeren zieht. Dabei könnte man mit dem Getreide, das für eine Tankfüllung Ethanol gebraucht wird, einen Menschen ein Jahr lang ernähren, so Stefan Bringezu vom Wuppertaler Institut. Aber weltweit steigende Lebensmittelpreise sind Folge einer verstärkten Agrospritproduktion. Nur Fleisch könnte für die Reichen noch billiger werden: Wenn nämlich wie in Brasilien Sojabohnen nicht mehr nur für Tierfutter, sondern gleichzeitig auch zur Sojaölgewinnung für Treibstoff verwendet werden könnte, dann würde die Fleischproduktion billiger werden. Ein Synergieeffekt, der den Fleischhunger und den Spritdurst der modernen Welt zugleich stillen würde – und die Urwaldzerstörung für den Anbau von Sojaplantagen noch profitabler machen würde.

Nicht nur dem Anbau von Sojaplantagen in Brasilien fällt Regenwald zum Opfer – in Indonesien und Malaysia wird für Palmölplantagen großflächig Regenwald abgeholzt. In Indonesien bedecken Palmöl-Monokulturen bereits eine Fläche von der Größe Bayerns. Weitere drei Millionen Hektar sollen nach Willen der Regierung zur Rodung freigegeben werden. Schneller als jedes andere Land verliert Indonesien derzeit Waldflächen. Rund 51 Quadratkilometer Wald werden jeden Tag zerstört, das sind mehr als 300 Fußballfelder pro Stunde. Wichtigster Abnehmer des indonesischen und malaysischen Palmöls ist die EU.

Menschenrechtsverletzungen sind die Folge der Regenwaldrodung und der Anlage von Groß-Plantagen: Waldvölker verlieren ihre Lebensgrundlage, Kleinbauern werden um ihre Existenz gebracht und müssen sich als Tagelöhner auf den Plantagen durchschlagen oder in übriggebliebene Urwaldgebiete ausweichen. Oftmals wird, wer nicht freiwillig Platz macht für die Großgrundbesitzer, gewaltsam dazu gezwungen. In Brasilien schweben Menschen, die Widerstand leisten, sogar manchmal in Lebensgefahr. Die hohen Pestizid- und Düngemitteleinsätze in den Monokulturen führen zu einer Vergiftung des Wassers der einheimischen Bevölkerung.

Palmölplantage

Soll Biosprit also in hinreichend großen Mengen produziert werden, so drohen weitere Monokulturen, Naturzerstörungen, Menschenrechtsverletzungen und Lebensmittelknappheit. Welche Lösungen gibt es dann für eine möglichst klimafreundliche Sprit-Alternative?

Die Lösungen
Eine Möglichkeit wäre die Verwendung von ökologisch/sozial nachhaltig produziertem Agrosprit, der ein entsprechendes Zertifikat bekommt. Das Zertifikat soll garantieren, dass der Sprit nicht aus Gegenden stammt, wo Nahrung knapp ist; dass die Bodenfruchtbarkeit nicht leidet; dass die Arbeitsbedingungen und die CO2-Bilanz stimmen und natürlich dass dafür keine Urwälder gerodet werden. Momentan erscheint ein internationales Zertifizierungssystem allerdings noch unrealistisch. Außerdem wäre sehr fraglich, ob die Vorgaben hinreichend kontrolliert werden könnten.

Große Hoffnungen für klimafreundlicheren Sprit ruhen auf sogenannten Agrokraftstoffen der zweiten Generation, auf "BtL" – "Biomass to Liquid": mit synthetischem Kraftstoff soll deutlich mehr CO2 eingespart werden, als mit herkömmlichem Agrosprit. Dabei werden ganze Pflanzen, nicht nur Samen oder Rüben, zur Spritproduktion verwendet. Verschiedene Energiepflanzen, die hohe Erträge liefern und gleichzeitig ökologisch verträglich angebaut werden können, kommen dafür in Frage: In Mischkulturen oder Fruchtfolgen Wintergetreide, -raps und -erbsen, danach Mais, Sonnenblumen, Hirse oder Hanf. Biosprit muss also nicht aus Monokulturen stammen.

Natürlich kann aber die Spritproduktion bei ungebremst ansteigendem Treibstoffhunger der motorisierten Welt kaum ohne negative Folgen bleiben – deshalb sollte nicht nur an den Symptomen herum gedoktert werden, sondern das Problem muss an den Wurzeln gepackt werden: unser hoher Spritverbrauch. Doch wen kümmert das schon? Wirtschaft, Politik und auch die Verbraucher scheren sich kaum um den Spritverbrauch der deutschen Autos. Im Gegenteil: gerade liegen große, schwere Geländewagen mit 15 Litern auf 100 km und mehr Verbrauch wieder voll im Trend. Dabei sind sehr effiziente Wagen technisch bereits machbar: das zeigt das Beispiel des von Greenpeace entwickelten „SMILE“, der nur 3,3 Liter verbraucht.

Der SmILE

Die einfachste Lösung im Kampf gegen den Klimawandel ist jedoch ganz klar: Energie sparen. Wenn wir Energie nicht vernünftiger einsetzen, brauchen wir über den Einsatz von Biomasse und Agro-Treibstoffen gar nicht erst nachzudenken. Einen verschwenderischen Umgang werden sie nie ausgleichen können. Wir sollten weniger Auto fahren – der Umwelt, dem Klima, und damit letztendlich auch uns selbst zuliebe.


Kurz zusammengefasst die Argumente gegen Agrosprit:
  1. keine Klimaneutralität, ernüchternde Energiebilanz wenn man Dünger- und Pestizidproduktion, Traktoreneinsatz und die Verarbeitung der Biomasse zu Sprit mit einbezieht
  2. Verschärfung der Konkurrenz zwischen Energie- und Nutzpflanzen führt zu weltweit steigenden Lebensmittelpreisen und Lebensmittelverknappung für die Armen in den Biomasse-Lieferanten-Ländern
  3. Monokulturen: Einfallstor für die Gentechnik? Hoher Pestizid- und Düngemitteleinsatz; durch Stickstoffdüngung wird Lachgas frei, ein sehr starkes Treibhausgas
  4. Rodung von Regenwald in den Exportländern Brasilien, Indonesien und Malaysia für den Anbau von Energie-Pflanzen, v. a. für Soja-, Zuckerrohr- und Palmölplantagen; dadurch auch ein Vielfaches mehr CO2-Freisetzung, als durch den Anbau der Energiepflanzen auf der gleichen Fläche eingespart werden könnte
  5. Menschenrechtsverletzungen und Verdrängung von Kleinbauern in Folge des Anbaus der Großplantagen.

Links:
SmILE
Urwaldzerstörung in Indonesien zur Palmölproduktion
Klimawandel: Fakten und Forderungen
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