Urwaldholz bei ARO im SS 2008

Mit einer Aktion bei ARO Heimtextilien am 07. August 08 führt Greenpeace Freiburg die Kampagne „Urwaldfreundliches Freiburg“ fort. Anlass für die Aktion bei der Handelskette ist der Verkauf von Echtholzparkett aus Raubbau im SSV. Aktuell werden bei ARO Tropenhölzer wie Merbau, Kempas und Kambala zu Spottpreisen verkauft.

Mit den zwei Bannern „Urwaldschutz ist Klimaschutz“ und „Urwaldholz aus Raubbau in Freiburg“ protestierten am Donnerstag, den 07.08.08, sechs Greenpeace-Aktivisten zunächst bei der ARO Filiale in Gundelfingen und dann bei einer zweiten Filiale in Freiburg-Zähringen. In der Gundelfinger Filiale gelang es uns ein Gespräch mit dem Filialleiter zu führen. Wir stellten die Forderung sämtliche unzertifizierte Tropenhölzer aus dem Sortiment zu nehmen und damit Verantwortung für die letzten Urwälder dieser Erde zu übernehmen.

Da ARO eine Handelskette ist, wies der Filialleiter die Verantwortung von sich, erklärte sich jedoch bereit unser Anschreiben an die Firmenzentrale in Nürnberg weiterzuleiten. Es bleibt also abzuwarten, wie die Reaktion der Firmenzentrale ausfällt.

 

Während des Gesprächs verteilten einige Aktivistinnen Flugblätter zu dieser Aktion an Passaten.

Danach protestierten die Aktivisten bei der ARO Filiale in Freiburg-Zähringen. Dort war der Filialleiter leider nicht anwesend. In einem Telefonat am darauffolgenden Tag ergab sich ein ähnliches Bild wie in der zuvor aufgesuchten ARO-Filiale: Es wird lediglich auf den zentralen Einkauf in Nürnberg verwiesen. Eigenes Engagement und Verantwortungsbewusstsein in Bezug auf des angebotene Sortiment lassen die Filialleiter leider vermissen.

 

Die Aktion bei ARO ist Teil einer bereits seit zwei Jahren laufenden Kampagne gegen Massivholzprodukte aus Urwaldzerstörung, die dieses Jahr von Gartenmöbeln auf andere Holzprodukte wie Parkett ausgeweitet wurde. Durch eine breit angelegte Recherche im Frühjahr '08 verschafften wir uns einen Überblick über das aktuelle Angebot. Nun versuchen wir über Gespräche, Verhandlungen und Aktionen den Holzhandel zu einem verantwortungsvollen Handeln zu bewegen. Die Recherchen werden auch weiterhin fortgeführt und auch über den Bereich der Stadt Freiburg hinaus ausgedehnt. Die Ergebnisse werden wir permanent veröffentlichen. Es soll für konsumbewusste Verbraucher ein transparenter Angebotsvergleich geschaffen werden, der den gesamten Holzhandel im Raum Freiburg abdeckt, ähnlich unserem Gartenmöbelvergleich.

Das Ziel der Kampagne - ein urwaldholzfreies Freiburg - wird die Greenpeace-Gruppe Freiburg weiter verfolgen, denn es ist ein Skandal, dass in der selbsternannten Ökohauptstadt Deutschlands weiterhin illegal geschlagenes Holz verkauft wird. Urwälder sind Schatzkammern der Artenvielfalt und unersetzlich für das Weltklima!

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Kapitel 8: Von der Landwirtschaft zur Agrarkultur

Nirgendwo kommt die Beziehung, die wir zur Natur haben, so deutlich zum Ausdruck wie in der Landwirtschaft. Die industrielle Landwirtschaft mit ihrem massiven Einsatz von chemischen Düngemitteln, Monokulturen, Massentierhaltung, manipuliertem Saatgut gilt als Hauptursache für:

·         Verschmutzung von Böden und Wasser

·         Wachsende Bodenerosion und Desertifikation

·         Zerstörung biologischer Vielfalt

·         Rodung der Regenwälder

·         Erwärmung des Klimas

·         Gefährdung menschlicher Gesundheit durch belastete Nahrungsmittel

·         Bauernsterben, Verelendung, ländliche Arbeitslosigkeit

·         Wachsende Abhängigkeit der Dritten Welt von der Ersten Welt

·         Welthunger

·         Zerstörung lokaler Gemeinschaften und indigener Kulturen

·         Landflucht, Verstädterung, Slums, Elendsgebiete

·         Unregierbarkeit, Abbau der Menschenrechte und Zunahme sozialer Konflikte

Auch hier liegt die Wurzel aller Probleme im Weltbild der verantwortlichen Akteure. Niemand von ihnen würde sich vorwerfen lassen, in böser Absicht alle oben genannten existenziellen Weltkrisen absichtlich heraufzubeschwören. Ganz im Gegenteil: Die Verantwortlichen sind davon überzeugt, mit der industriellen Landwirtschaft und genetisch manipuliertem Saatgut ein ständiges Wachstum bei der Produktion von Nahrungsmitteln zu erreichen und damit alle Probleme lösen zu können. Die kurzfristigen Erfolge dessen, was in den letzten Jahrzehnten unter dem missverständlichen Schlagwort der grünen Revolution an Produktionssteigerungen erreicht wurde, haben sie blind werden lassen für die enorme Zahl der Nebenwirkungen.

Zwar ist die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf in den letzten 35 Jahren um 15 % gestiegen. Doch die industriellen und politischen Strukturen haben dazu geführt, dass die Zahl der Hungernden in der gleichen Zeit um 60 Mio. Menschen gewachsen ist und schätzungsweise 30 000 Kinder pro Tag an Unterernährung sterben. Die Produktion ist in den Händen weniger, und die ökonomischen wie ökologischen Kosten des Anbaus steigen kontinuierlich. Die Verseuchung der Böden durch Düngemittel und Pestizide und der damit verbundene Verlust der biologischen und genetischen Vielfalt haben die Tragfähigkeit landwirtschaftlicher Ökosysteme so verschlechtert, dass die Produktivität der Böden für künftige Generationen infrage steht. Ökonomisch sind die Kosten für teure Maschinenparks und chemische Hilfsmittel gestiegen, während die Kornpreise immer weiter sinken.

Weil das System nur durch massive Subventionen überleben kann, sind gerade in den ärmeren Ländern Millionen von Kleinbauern bankrott gegangen. Das damit steigende Elend hat zu einer Massenflucht in die Städte geführt, die wirtschaftlich wie sozial immer unregierbarer werden. Die industrielle, monokulturelle und kapitalistische Organisation der Landwirtschaft in den dörflichen Regionen führt währenddessen dazu, dass die verbliebenen kleinen sozialen Gemeinschaften zerstört werden, uralte Traditionen eines schonenden und nachhaltigen Umgangs mit der Erde verloren gehen und die lokale kulturelle Vielfalt verschwindet.

Die unter all dem liegende philosophische Grundüberzeugung der modernen Landwirtschaft lautet, dass die Natur bezwungen werden muss oder ignoriert werden kann. Das geht zurück bis Francis Bacon, der etwa 1600 in einem Brief an den englischen König James schrieb, dass man die Natur ebenso wie eine Hexe foltern müsse, um alles aus ihr herauszuholen. Und das ist bis heute die Grundidee der westlichen Zivilisation. Wer den inneren Wert der Natur und ihre enorme Produktivität nicht anerkennt, wer zudem an den Strukturen der Besitzverhältnisse, der Produktion und des Handels festhält, für den muss die Lösung im ständigen Wachstum liegen.

Alternative Ansätze in der modernen Landwirtschaft haben deshalb immer drei parallele Ziele zu verfolgen: Sie müssen erstens mit guten Gründen das herrschende Weltbild infrage stellen und die katastrophalen Folgen der industrialisierten Landwirtschaft ins öffentliche Bewusstsein bringen. Sie müssen zweitens neben der Entwicklung ihrer alternativen Anbaumethoden ein ganzheitliches Weltbild mitliefern, das als philosophisches Gegenmodell dienen kann. Und sie müssen drittens beweisen, dass mit alternativen Anbaumethoden die enorme Nachfrage des Marktes gedeckt werden kann und ein Umbau zur Nachhaltigkeit wirtschaftlich möglich und lohnen ist.

Die grüne Revolution frisst ihre Kinder

Joses Lutzenbergers Mythos Nummer eins war der Glaube, dass mit der hohen Produktivität der modernen Landwirtschaft der Nahrungsbedarf gedeckt und der Hunger effizient bekämpft werden könnte. Aus seiner Sicht war das Gegenteil der Fall: großflächige Monokulturen werfen kurzzeitig mehr ab und machen Großgrundbesitzer reich, doch langfristig treiben sie Kleinbauern in den Ruin. Hunger entstehe, weil man es den Menschen in den traditionellen Kulturen unmöglich gemacht hat, für sich selbst zu sorgen. Auch die angebliche Effizienz ist für ihn ein kolossales Missverständnis. Wirklich effizient waren die traditionellen Bauern, die ohne großen Materialeinsatz, Transportmittel, riesige Infrastrukturen, Bankkredite, staatliche Förderung, teures manipuliertes Saatgut und ohne eine Chemiewirtschaft auskamen. Denn sie braucht nichterneuerbare fossile Rohstoffe, um Düngemittel herzustellen. Während die kleinräumige Struktur traditioneller Landwirtschaft über eine Mischwirtschaft die biologische Vielfalt erhielt, wird sie durch die industrielle Landwirtschaft und ihre Monokulturen vernichtet. War der Bauer in der Vergangenheit ein nachhaltiges, sich selbst versorgendes, autarkes System der Produktion, Verarbeitung und Verteilung von Nahrungsmitteln, so wurde er im Zuge der Globalisierung zu einem winzigen Rädchen.

Die industrielle Landwirtschaft sei nur effizient, wenn man die industriell betriebene Monokultur mit einer konventionellen Monokultur vergleiche. Wenn die landwirtschaftlichen Flächen- wie in den angeblich primitiven indianischen Anbaumethoden üblich- mit anderem Saatgut unterpflanz werden, produzieren sie jedoch das Zweieinhalbfache der modernsten Landwirtschaft. Während traditionelle Anbaumethoden die lokalen Rohstoffe in einem vollständigen Recyclingverfahren zur Düngung nützen, ist die moderne Landwirtschaft mit ihrer Stickstoffdüngung abhängig von fossilen Brennstoffen. Ein Großteil der modernen Landwirtschaft ist zu einem Nettoverbraucher von Energie geworden. Beinahe alle produktiven Aktivitäten erfordern mehr fossile Energie, als in ihren Erzeugnissen enthalten ist.

Jose Lutzenberger kam zu dem Ergebnis, dass die globale Nahrungsmittelproduktion ausreicht, um das Hungerproblem zu lösen. Der Hunger liegt nicht an einem Mangel an Nahrungsmitteln, sondern daran, dass man den Menschen den Zugang zu den Nahrungsmitteln verweigert- ein struktureller Massenmord. Statt die Produktion weiter zu steigern und damit die globale Fehlentwicklung zu zementieren, müsse man politische Maßnahmen zur Lösung der strukturellen Wurzeln des Hungers ergreifen.

Mohamed Idris: „…das gestiegene Einkommen der Farmer wurde bald durch die wachsenden Kosten für importierte Chemikalien, technischen Input und Maschinen wieder aufgefressen. Die verwendeten Pestizide forderten ebenfalls einen hohen Tribut in Form tausender von Vergiftungsfällen, z.T. mit tödlichem Ausgang. Mittlerweile zeigt sich auch immer deutlicher, dass die besonders ergiebigen Sorten immer anfälliger für Schädlinge werden, die ihrerseits gegen die Pestizide eine immer größere Resistenz entwickeln. In einigen Gebieten begannen daraufhin die Ernteerträge zurückzugehen. Farmer und Regierungen der Dritten Welt sind heute zunehmend von der Gnade internationaler Nahrungsmittelerzeuger abhängig.

Verzicht auf Monokulturen, Pestizide und Düngemitteleinsatz, professionelles Recycling der Abfälle, Abschaffung der Massentierhaltung, Reduktion des Fleischverzehrs, stattdessen kleinräumige Mischkulturen und Fruchtwechsel mit lokal angepasstem Saatgut, Bewahrung der genetischen Vielfalt, artgerechte Tierhaltung lauten die Eckpunkte nachhaltiger Landwirtschaft.

Jose Lutzenberger wusste, dass diese Lösung Zeit braucht, wenn sie im großen Maßstab umgesetzt werden soll. Denn sie fordert den Umbau der Infrastruktur, den Aufbau lokaler Märkte, die Wiedergewinnung der lokalen Konsumenten, die Rekonstruktion dörflicher Gemeinschaften, die Dezentralisierung politischer Entscheidungen und die Umstellung auf erneuerbare Energieformen.

Ein Design für kleine Paradiese

 Der Begriff Permakultur entstand aus der Idee einer permanent agriculture, in der sich alle Teilelemente eines Systems in optimaler Weise gegenseitig ergänzen. Bill Mollison ging von der Erkenntnis aus, dass alle natürliche Produktivität auf der Erde von der sich ständig erneuernden Energieaquelle der Sonne kommt. Je effektiver, sparsamer und unmittelbarer diese Energie gespeichert und genutzt würde, desto besser. Dabei ist der Einsatz von natürlichen Ressourcen zur Erhöhung der Produktivität nur sinnvoll, solange die eingesetzte Energie nicht größer ist als das Ergebnis.

Eine komplexe Definition lautet: Permakulutr ist die Gestaltung eines natürlichen Systems, bei dem konzeptionelle, materielle und strategische Komponenten zu einem Muster zusammengefügt werden, dessen Funktionen allen Lebensformen dienen. Es ist so angelegt, dass es für alle lebenden Wesen der Erde einen sicheren und nachhaltigen Platz schafft. Die Gestaltung solcher Muster geht von folgenden Prinzipien aus:

·         Alle Elemente eines Systems stehen miteinander in Wechselwirkung, wobei die Bedürfnisse eines Elements oft aus dem Überschuss eines anderen erfüllt werden.

·         Jedes Element eines Systems hat mehrere Funktionen. So legen Hühner Eier, lockern den Boden, fressen Insekten, produzieren Dünger, fressen Küchenabfälle.

·         Jede lebenswichtige Funktion eines Systems wird von mehreren Elementen erfüllt. Wenn eines ausfällt, sind andere da, die es ersetzen.

·         Oberster Maßstab ist eine effiziente Nutzung von Energie und natürlichen Ressourcen. Dazu gehört, alle Elemente so zu platzieren, dass Energie gespart wird und natürliche Ressourcen sich optimal reproduzieren.

·         Gewinnung natürlicher Energie und Speicherung oder mehrfache Nutzung

·         Jede Arbeit mit natürlichen Systemen muss sich an der Wachstumsfolge der Elemente orientieren- so können Schnecken Insekten vertilgen, Enten Schnecken fressen, Enten den Boden düngen etc.

·         Kreative Nutzung von Randeffekten, z.B. des Waldrandes, in denen die Ressourcen von verschiedenen Systemen zur Verfügung stehen.

·         Polykultur, Vielfalt ist immer besser als Einfalt. Das Neben- und Durcheinanderwachsen verschiedener Pflanzen schafft größere Stabilität, gegenseitige Ergänzung und Schutz vor Krankheiten und Schädlingsbefall.

Permakultur steht in Einklang mit dem ganzheitlichen Weltbild: Hier wie dort wird die Welt als integriertes Ganzes verstanden. In beiden Ansätzen entwickeln sich aus individuellen Organismen komplexe Systeme, die mehr sind als die Summe ihrer Teile. In beiden Fällen stehen statt statischer Strukturen dynamische Prozesse im Mittelpunkt des Interesses, die ein immer neues Gleichgewicht anstreben. Beide Male gilt: Je dynamischer das Gleichgewicht, desto flexibler das lebende System; je flexibler das System, desto höher die Stabilität. Beide Weltbilder bauen nicht nur auf den Nutzen von Kreislaufsystemen und Rückkopplungsprozessen, sondern auch auf das kooperative Prinzip der Beständigkeit und Nachhaltigkeit einer kreativen qualitativen Entwicklung im Gegensatz zum kontrollierenden Wachstumsideal. Schließlich verstehen beide Ansätze die Rolle des Menschen nicht als Herrscher, sondern als Gestalter oder Designer von Naturentwicklungsräumen, in denen sich lebendige Systeme selbst erschaffen, korrigieren und entwickeln.

Die Agrarkultur natürlicher Systeme

Bill Mollison hatte schon 1982 darauf hingewiesen, dass bei gegenwärtigen Anbaumethoden die Ernährung jedes einzelnen Menschen pro Jahr im Durchschnitt zum Verlust von 10 Tonnen Erde führt, die Natur aber nur zwei Tonnen Humus durch Kompostierung produzieren kann. Bis 2000 waren nicht weniger als 38 % der fruchtbaren Böden der Erde verloren gegangen oder in Mitleidenschaft gezogen. Hauptgrund ist die uralte Praxis der Landbearbeitung, Böden vor der Aussaat umzupflügen und damit die kompakte Erdmasse den Kräften des Windes und Regens preiszugeben. Durch den Einfluss des Wetters werden auf diese Weise jährlich Millionen Tonnen Humus in Stürmen zu Staub verblasen oder weggeschwemmt. „Es ist nicht so, dass die Landwirtschaft nur ein Problem hat, sie ist das Problem“, so Wes Jackson.

Jacksons geniale Idee bestand darin, Schritt für Schritt die ertragreiche, einmal tragenden Kulturpflanzen mit den fest verwurzelten, wilden Gräsern so zu kreuzen, dass am Ende Pflanzen entstehen, die wie Gras einfach nachwachsen und immer wieder abgeerntet werden können, ohne die Böden aufzureißen. Eine Vision, nach der unsere Kindeskinder Getreide ernten werden, wie wir Heutigen Jahr für Jahr Äpfel und Kirschen vom Baum holen.

Systemische Landwirtschaft beruht auf dem Prinzip, dass die Natur selbst alles bereitstellen kann. Zwar mögen ihre Erträge geringer sein, sei braucht aber auch keine Öl- und Chemieindustrie, um funktionieren zu können. Die Erträge einer systemischen Landwirtschaft sind deshalb genauso groß wie bei der industriellen, wenn man berücksichtigt, dass Letztere eigentlich unwirtschaftlich ist und die scheinbar hohen Erträge einem organisierten Selbstbetrug gleichen, weil die tatsächlichen Kosten nicht aufgerechnet werden. Fragen wir nach der Effizienz, dann ist der systemische Ansatz dem industriellen klar überlegen.

Die zweite Revolution

Nach dem Ende der russischen Importe von jährlich 10 000 Tonnen Pestiziden, 17 000 Tonnen Herbiziden und 1,3 Mio Tonnen Düngemitteln bei gleichzeitigem amerikanischen Handelsboykott hatte Kuba gar keine andere Wahl, als auf ökologische Landwirtschaft auszuweichen. Nachdem Havanna die großen Staatsfarmen privatisiert und in die Hände von Bauernkooperationen übergeben hatte, begann auf Kuba das historisch einmalige Experiment des ökologischen Umbaus der gesamten nationalen Landwirtschaft. Der alternative Ansatz bestand darin, die Abhängigkeit der Landwirtschaft von Technik und Industrie zu ersetzen durch eine kleinräumige, personalintensive und selbstversorgende Agrarkultur. Dazu gehörte, den Pflug wieder von Ochsen statt Traktoren ziehen zu lassen, auf biologische Vielfalt statt auf Monokultur zu setzen, Böden zu bewahren, statt sie der Erosion preiszugeben. Alternative Forschungsansätze für biologische Schädlingsbekämpfung, biologische Düngung und mikrobische natürliche Pestizide kamen zum Einsatz. Entscheidend aber war der Aufbau einer städtischen Landwirtschaft: In den ungenutzten Vororten entstanden rund 8000 kleine, von 30 000 Menschen intensiv bewirtschaftete Biogärten. Sie stabilisierten durch ihre hohe Biodiversität das ökologische Gleichgewicht und kamen fast immer ohne Chemie aus. Als das Modell auf andere Städte und Gemeinden ausgeweitet wurde, verringerte sich auch die Landflucht in die schon übervölkerten Städte. Selbst in den Hinterhöfen der Vororthäuser begannen die Bewohner, Beete anzulegen und Kleinvieh zu halten.

Was niemand für möglich gehalten hatte, wurde in der Praxis bewiesen: die ökologisch- nachhaltige Umstellung einer ganzen nationalen Landwirtschaft innerhalb von nur wenigen Jahren; Produktionssteigerungen, die selbst die Ergebnisse der industriellen Landwirtschaft übertrafen; die Verhinderung einer Hungersnot; sozialer Aufstieg für ärmste Bevölkerungsschichten; die Stabilisierung dörflicher und städtischer Gemeinschaften sowie eine deutlich e Verbesserung der ökologischen Stabilität und Ernährungsqualität.

Alle durch den Verzicht auf Düngemittel und Pestizide frei werden en finanziellen Mittel wurden in den nachhaltigen Umbau der Landwirtschaft gesteckt. Interministerielle Arbeitsgruppen verknüpften die Potenziale der Ministerien für Landwirtschaft, Zucker, Erziehung, Wissenschaft/ Technologie und Umwelt mit einander. Bestehende Bauernverbände wurden auf das neue Ziel eingeschworen. Es wurden dezentrale Schulungszentren und Modellfarmen eingerichtet, rollende Büchereien erreichten auch abgelegendste Regionen. Workshops, neue landwirtschaftliche Lehrplane und eine Zeitschrift verbreiteten mit der finanziellen Unterstützung der UNO sowie Brot für die Welt und Oxfam- Amerika die Grundlagen des neuen Paradigmas, währen an den Universitäten nicht nur Fortbildungsveranstaltungen, sondern auch eigene Studiengänge zur nachhaltigen Landwirtschaft eingerichtet wurden, die schon bald von 500 Studenten belegt wurden.

Kapitel 9: Der Kampf gegen eine strahlende Zukunft

Paradise Lost

Seit 1966 erlebten die Atolle 44 atmosphärische Atomwaffentests und- nachdem internationale Proteste die französische Regierung zu einem Kurswechsel gezwungen hatten- ab 1974 nicht weniger als 155 unterirdische nukleare Explosionen. Schon beim dritten Test kam es zu einem GAU: Der Sprengsatz zündete nicht, setzte aber rund 20 kg Plutonium auf dem Atoll frei. Das kontaminierte Gebiet wurde behelfsmäßig zubetoniert, bis ein Taifun die dünne Schutzschicht wegriss und den hoch radioaktiven Müll im Meer verteilte. Das nächste Unglück geschah, als Charles de Gaulle am 10.9.1966 zum offiziellen atomaren Eröffnungsfeuerwerk nach Mururoa kam. Obwohl die Wetterbedingungen ungünstig waren und der Wind in die falsche Richtung bließ, gaben die Techniker dem Willen des autoritären Präsidenten nach und zündeten eine 120 kg Bombe. Noch auf den Cook- Inseln, Niue, Tonga, Fidschi und Tuvalu registrierten die Messeinrichtungen einen hohen radioaktiven Niederschlag, dessen Existenz in Paris schlicht geleugnet wurde.

In den nächsten Jahren detonierten auf und über Mururoa 35 weitere Atom- und fünf Wasserstoffbomben, radioaktive Wolken wurden zur regelmäßigen Erscheinung. Gleichzeitig wurde das empfindliche Ökosystem des pazifischen Ozeans immer mehr aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Zerstörung der Korallenriffe führte zum massenhaften Wachstum einzelliger Meeresorganismen, die das Gift Ciguatera produzierten. Über die Nahrungskette geriet es bald auf den Esstisch der Polynesier: Extreme Schmerzen, Nervenkrankheiten, starker Juckreiz, Gleichgewichtsstörungen und der Verlust der muskulären Koordination nahmen epidemisch zu. Die bisher vor Ort unbekannte Krankheit, deren Symptome jahrelang anhalten und die zu einer extremen Allergieanfälligkeit führt, gilt heute noch als unheilbar.

Als die Proteste in Australien, Neuseeland und anderen Pazifikstaaten lauter wurden und zu Boykottaktionen gegen französische Güter führten, gab der Präsident Valery Giscard D’Estaing nach und ordnete an, Atomtests zukünftig nur noch unterirdisch durchzuführen. Ansonsten änderte sich nichts. Die frz. Behörden leugneten jede radioaktive Belastung, verweigerten unabhängigen Untersuchungen und behandelten die lokalen Gesundheitsstatistiken wie Staatsgeheimnisse. Privat initiierte Untersuchungen ergaben, dass ab 1974 die Fälle von Leukämie, Gehirntumoren und Schilddrüsenkrebs stark zunahmen. Versuche von Strahlenopfern, vom frz. Staat Entschädigungen zu erhalten, scheiterten. Das hat sich auch nicht verändert, nachdem die Tests unter Mitterand eingestellt wurden. Wie aktuell der nukleare Wahn in Paris ist, zeigte sich im Juli 1995, als Jacques Chirac ankündigte, die unterirdischen Tests wieder aufzunehmen, und diese Entscheidung ausgerechnet am 50. Jahrestag der Zerstörung von Hiroshima in die Tat umsetzte. Trotzdem musste Paris am 28.1.1996 die Tests auf Mururoa endgültig einstellen. Sie haben keine Angst mehr, ihre Stimme zu erheben. Es ist so viel kaputt gegangen, aber es ist noch nicht zu spät“, so Marie- Therese Danielson.

Das hohe atomare Einkommen einer politischen, technischen und wissenschaftlichen Kaste hat die Bevölkerung in zwei Lager gespalten. Die Produktion lokaler Güter wie Vanille, Kaffee und Kopra ist massiv zurückgegangen, die Selbstversorgung gehört der Vergangenheit an, der massenhafte Import von ausländischen Konsumgütern hat den Lebensstil drastisch verändert. „Und auf der sozialen Ebene hat die plötzliche Transformation des traditionellen Lebensstils die Mentalität radikal verändert“, sagt Roland Oldham. „Das polynesische Leben hat seine Schönheit verloren, und ohne die traditionellen Werte der gegenseitigen Kooperation, des Teilens und des Gemeinschaftsgeistes zerfallen Familien und Erziehung.“

Von Mäusen und Menschen

29 Jahre hatte das Volk von Rongalap den Aussagen der amerikanischen Regierung und ihrer Wissenschaftler vertraut, die immer wieder versichert hatten, dass die Atomtests auf dem Bikini- Atoll für die Inselbewohner ungefährlich seien. Erst als deutlich wurde, dass alle 325 Insulaner für die amerikanische Atombehörde als menschliche Versuchskaninchen missbraucht worden waren, entschlossen sie sich, dem Land ihrer Vorväter den Rücken zu kehren. Sie gingen am 20.5.1983 einer ungewissen Zukunft entgegen. Nur eines wussten sie: Auf dem Mejato- Atoll würden die Kokosnüsse endlich nicht mehr radioaktiv sein.

 Der nukleare Imperialismus im Südpazifik war nicht nur ein frz. Verbrechen. Schon 1946, ein Jahr nach dem Ende des 2 WK, hatte die amerikanische Administration beschossen, das zu den Marshall- Inseln gehörende Bikini- Atoll und die Enewetak als Testgelände für Atombomben zu nutzen. Zwischen 1946 und 1958 explodierten auf Bikini 20 Atom- und 3 Wasserstoffbomben. Auf Enetewak waren es 43 Atombomben, beim ersten Test einer Wasserstoffbombe am 31.10.1952 wurde die Insel vollständig zerstört und sprengte ein 60 Meter tiefes und fast zwei Kilometer breites Loch in den Meeresboden.

Doch die eigentliche Katastrophe geschah anderthalb Jahre später, als die USA auf dem Bikini- Atoll am 1.3.1954 die größte Wasserstoffbombe des Atomzeitalters zündeten. Bravo, eine 9 Megatonnen Bombe, hatte die tausendfache Zerstörungskraft von „Hiroshima“. Sie war durch die Zugabe von Plutonium so konstruiert, dass es zu einem maximalen Fallout kommen musste. Rongalap, rund 120 km entfernt, war kaum mehr als ein winziger Flecken auf der Landkarte, ein vergessenes Eiland: Niemand außer dem Kapitän eines hawaiischen Handelsschiffs hatte seine Bewohner gewarnt oder, wie die Landsleute auf Bikini und Enetewak, evakuiert.

   

Die meisten Inselbewohner schliefen noch, als um 6.45 die Bombe explodierte. Die Explosion fiel dreimal so stark aus wie geplant und ging als größtes Desaster im Testprogramm der USA in die Geschichte ein. Erst kurz vor Sonnenuntergant tauchte ein Wasserflugzeug der Marine auf Rongalap auf und warnte, viel zu spät, kein Trinkwasser aus den Tanks zu nehmen. In der folgenden Nacht erkrankten fast alle: Durchfälle, Übelkeit und schmerzhafte Hautreaktionen waren die ersten Zeichen der Verstrahlung. Erst drei Tage später wurden die 82 Bewohner von einem Schiff abgeholt und auf die Militärbasis Kwajalein Island gebracht, die sie 3 Jahre nicht verlassen durften. In einer öffentlichen Stellungnahme hieß es: „unerwartete Strahlenbelastung während eines Routinetests.“ Allen gehe es gut, „Eingeborenen werden nach Ende der Tests nach Hause gebracht.“

Nur die Mediziner der amerik. Atombehörde vergaßen die Insel nicht: sie hatten Rongalap und seine Bewohner als ideale Quarantänestation für menschliche Versuchskaninchen entdeckt. In einem internen Memorandum vermerkte der leitende Strahlenmediziner Dr. Merrill Eisenbud, dass es noch nie vergleichbare Studienobjekte gegeben habe: „Zwar leben diese Leute nicht wie zivilisierte Menschen, sind uns aber fraglos ähnlicher als Mäuse. Die Untersuchungen liefern sehr interessante Daten über Menschen, die in einer verstrahlten Umwelt leben.“

Auf Rongalap nahm die Tragödie ihren Lauf. Bislang unbekannte Krankheiten traten auf. Innerhalb weniger Jahre kam es immer öfter zu Leukämieerkrankungen und Fällen von Unfruchtbarkeit. Dann kamen Fehlgeburten. Rosalie Bertrell berichtete nach Untersuchungen von sog. Quallen- Babys: Da gleicht die Schwangerschaft dem Wachstum eines Tumors. Der Embryo wird nicht geformt und kommt als wuchernde Fleischmasse zur Welt. Zahlreiche ausgetragene Kinder wiesen Behinderungen und Anomalitäten an inneren Organen auf, waren körperlich schwach und wuchsen deutlich langsamer heran. Bei den Erwachsenen traten Schilddrüsenerkrankungen auf, die Krebs- und Sterbefälle stiegen kontinuierlich. Die gesamte Geburtenrate ging zurück. Sie sterben einfach früher, werden nicht älter als 30, 40. Die ganze Gemeinschaft stirbt aus, sie kann nicht überleben.

Es dauerte 14 Jahre, bis ein Bericht des amerikanischen Energieministeriums 1983 einräumte, dass Rongalap ebenso verstrahlt sei wie das Bikini- Atoll, auf dem die gigantische Wasserstoffbombe Bravo gezündet worden war. Ein Eingeständnis von geringer Wirkung. Die Forderungen von Jeton Anjain und der Regierung der Marshall- Inseln, die mittlerweile 250 Bewohner umzusiedeln, blieb unbeantwortet. 1985 schließlich wandte man sich an Greenpeace, die Rongalaps Bevölkerung mitsamt Hab und Gut, Werkzeugen,  Wellblechdächern innerhalb weniger Tage mit dem Flaggschiff Rainbow Warrier auf das Mejato- Atoll brachte, 190 km entfernt. Nur zwei Monate später wurde die Rainbow Warrier im Hafen von Auckland durch Agenten des frz. Geheimdienstes versenkt. An Bord war der frz. Fotograf Fernando Pereira. Die Besatzung hatte geplant, wenige Tage später nach Mururoa auszulaufen, um die Atomtests der Grande Nation zu verhindern.

1991 kam es endlich zu einer unabhängigen Untersuchung der Verstrahlung Rongalaps. Es wurden 15 Mio $ für die Entgiftung der Insel freigegeben.

Allein in den USA leiden 15 000 Indianer, 500 000 Techniker und Wissenschaftler der Atomindustrie sowie rund 250 000 Soldaten an Strahlenschäden durch Uranabbau, Waffenproduktion und den Fallout von Atomtests.

Mururoa und Rongalap, zwei vergessene Inseln am Ende der Welt, sind durch die Hartnäckigkeit einzelner Aktivisten zum Beleg dafür geworden, dass der unerklärte Atomkrieg seit Jahren seine Opfer fordert. Die Skandale haben darüber hinaus deutlich gemacht, dass Robert Jungks Warnungen vor dem Atomstaat längst Wirklichkeit geworden sind: Die militärische und zivile Nutzung der Atomenergie lässt sich nicht auf Kernkraftwerke undmilitärische Arsenale beschränken. Sie hat immer eine entsprechende Außen-, Sicherheits- und Gesundheitspolitik im Schlepptau, trägt dazu bei, traditionelle Kulturen zu zerstören, unterminiert demokratische Strukturen und korrumpiert Verfassungsorgane- wie den frz. Geheimdienst im Fall Rainbow Warrior- bis hin zu terroristischen Attentaten und politischem Mord. Der Mythos von der reinen, sicheren und kontrollierbaren Atomenergie ist längst gebrochen.

   

Der schleichende Tod

Wer das Dogma der Harmlosigkeit durchbrechen wollte, musste erfahren, dass er sich mit einer der mächtigsten Lobbys der modernen Industriegesellschaft anlegte. Denn zu ihr gehörten nicht nur die Unternehmen der Atomindustrie, sondern auch die Banken und Regierungen samt militärisch- industriellen Komplex. Mit der Infragestellung der Atomtechnologie wurde nicht nur die Ideologie-, sondern auch die Machtfrage gestellt.

Wenn radioaktive Strahlung überall auf der Erde natürlich vorkommt und erwiesenermaßen schädlich ist, so überlegte sich die Nonne Rosalie Bertrell, dann muss sie ein wesentlicher Faktor des menschlichen Alterungsprozessen sein, bei dem die Kraft des Immunsystems und die Selbstheilungskräfte nach und nach verloren gehen. Statt wie ihre Kollegen Leichen zu zählen, begann sie, Lebensjahre zu zählen und kam zum erstaunlichen Ergebnis, dass eine Röntgenuntersuchung das Risiko, an Leukämie zu erkranken, ebenso erhöhte wie der Alterungsprozess eines Lebensjahres. Die künstlich hervorgerufene Strahlung wurde bei diesem Ansatz nicht mehr als eindeutig zu identifizierende Ursache von Todesfällen betrachtet, sonder eher wie ein zusätzliches Gift, das durch die Schwächung des Gesamtorganismus für viele Krankheiten verantwortlich sein konnte. Damit zeigte sich, dass radioaktive Strahlung nicht nur Krebs, sondern auch Diabetes, Arteriosklerose, Hund andere altersbedingte Krankheiten auslösen konnte. Was für die Röntgenstrahlung galt, musste auch für die radioaktive Niedrigstrahlung in der Nähe von Nuklearanlagen gelten. Denn die bislang als harmlos geltende Niedrigstrahlung kam nachgewiesenermaßen in der Luft, im Trinkwasser und in der Nahrung vor.

 Bertrell stieg aus dem akademischen Betrieb aus und gründete das Ministry of Concern for Public Health, ein unabhängiges Institut, das sich der Erforschung von Strahlenschäden widmete und Untersuchungen initiierte, die von staatlichen Stellen verweigert wurden. Dazu gehörten Arbeiten über die Verstrahlung von Rongalap und indianischer reservate im amerikanischen Südwesten durch amerikanische Atomtests ebenso wie Expertisen über die Verseuchung bestimmter Reservate durch den Uranabbau und Berichte über die Gesundheitsrisiken für Mitarbeiter in der Atomindustrie. Dabei wurde deutlich, dass allein im Navajo- Reservat in Arizona durch Atomtests und Uranabbau die Zahl behinderter Kinder und der Totgeburten bis zu 10 mal höher war als in strahlungsfreien gebieten. Aus den rein statistischen Analysen einer aufrichtigen Ärztin entstand so nach und nach die wohl wichtigste wissenschaftliche gegenmacht zur herrschenden Doktrin, welche die Moral der Atompolitik immer mehr infrage stellte.

Je weiter die graue Nonne des Heiligen Herzens bei ihren Recherchen vordrang, desto brutaler reagierten die verantwortlichen im militärisch- industriellen Komplex gemäß der Prognose Robert Jungks: Atomkraft führt zum Aufbau eines Überwachungsstaates und bereitet den Weg für totalitäre Regierungen.“ Mehr als einmal wurde die Wissenschaftlerin bedroht, einen Anschlag auf ihr Leben entging sie knapp. Ihre Telefone wurden abgehört, Materialien gestohlen, die Suche nach Schuldigen abgebrochen. Sie erlebte, dass das Atom nicht nur die Wände lebender Zellen zersetzt, sondern auch demokratische Systeme: „Wir sind seit 1945 ein militaristisches Land geworden, wo Wissenschaft zur Geheimsache und zum Gegenstand nationaler Sicherheit erklärt wird. Wir sind Zeugen einer Zerstörung der Demokratie, bei der die Entscheidungen immer mehr von den Generälen übernommen und immer mehr Finanzen dem öffentlichen Sektor zugunsten der Waffenproduktion entzogen werden.“

Bertrell ist davon überzeugt, dass die Freisetzung des Atoms seit 1945 mit den Folgen des Uranabbaus, der Waffenproduktion, der Atomtests, der Kriegsführung mit Waffen aus angereichertem Uran und der friedlichen Nutzung der Atomenergie bis heute nicht weniger als 15 Mio Menschen das Leben gekostet hat. Wenn sich diese Zahl bestätigte, dann würde deutlich, dass wir uns mitten in einem Atomkrieg befinden.

Die nuklearen Wachhunde

Eine atomare Mafia, die über 15 Jahre in Kauf nahm, dass Brennstoffbehälter, die um das Vieltausendfache höher belastet waren als erlaubt, durch bewohnte Gebiete transportiert wurden. Eine Mafia, die konstant Transportgesetze brach und darüber weder die Kontrollbehörden noch die beteiligten Regierungen in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und England informierte. Eine Mafia, die für ihren Rechtsbruch keine Strafverfolgung befürchten musste, weil die Kontrollbehörden alles taten, um den Skandal zu vertusche und zu verharmlosen.

 „Nukleartechnik repräsentiert nicht weniger als den Zustand moderner Wissenschaft und Technologie. Moderne Technologie beherrscht und versklavt Menschen, in der Atomtechnik wird das nur besonders deutlich. Deshalb ist der Widerstand gegen die Kernkraft mehr als der Kampf gegen ein einzelnes Atomkraftwerk. Er repräsentiert vielmehr eine wesentlich breitere Auseinandersetzung mit den Folgen modernen Wissenschaft und Technologie.“ Robert Jungk

Weil sich die Einsicht durchgesetzt hat, dass die meisten großen Institute entweder finanziell direkt von der Industrie abhängig sind oder mit unverhältnismäßig hohen Subventionen der jeweiligen Regierungen ausgestattet werden, haben die Aktivisten den schwierigen Weg absoluter wirtschaftlicher Unabhängigkeit eingeschlagen. Sie finanzieren sich über Aufträge, Expertisen und Memos, allenfalls auch über Stiftungsgelder, Spenden und Preisgelder, um für wissenschaftliche Objektivität die strukturellen Voraussetzungen zu schaffen. Der deutlich interessengesteuerten Forschung der Industrie und des Staates, die für sich aber eine wertfreie Objektivität beanspruchen, setzen sie bewusst eine politisch kritische, emotional engagierte und wertgebundene Wissenschaft entgegen: Ziel ist das weltweite Ende der Atomtechnologie.

Inhaltlicher Schwerpunkt der Initiativen ist seit Jahren der engagierte Widerstand gegen die moderne Plutoniumtechnologie, die vom Atomphysiker Jinzaburo Takagi als die größte unmittelbare Gefahr für die Menschheit und die globale Umwelt gesehen wird. Schon Ende der 90er Jahre übertraf die Menge zivil hergestellten Plutoniums die Summer des strahlenden Gifts, das man aus abgerüsteten Atomsprengköpfen extrahiert hatte.

Kapitel 10: das solare Zeitalter

Wer nur die Leistung der fossilen und atomaren Energieträger in Relation setzt zur alternativen Energiegewinnung aus Sonne, Wasser, Wind und Biogas, vergleicht, was so nicht verglichen werden darf. Denn im Rahmen des gegenwärtigen Wirtschaftssystems und der hohen Verbrauchswerte der modernen Industriegesellschaft machen immer die herkömmlichen Energiequellen das Rennen. Die alternativen Ansätze aber sind ganzheitlich und greifen ins System selbst ein: Wenn nämlich staatliche Investitionen, Subventionen und steuervorteile auf die erneuerbaren Energien umgeschichtet werden, der gegenwärtige Verbrauch entsprechend den technischen Möglichkeiten gesenkt wird und die Folgekosten der Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen real berechnet werden, dann liegen heute schon solare und erneuerbare Energien vorne.

Während sich die Weltbevölkerung seit Beginn des letzten Jahrhunderts versechsfachte, stieg der Energiebedarf um das 80fache.

Klimaveränderungen, Zerstörung der Ozonschicht, grenzüberschreitende Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung und das Waldsterben entstehen primär wegen der Verbrennung fossiler Rohstoffe, ebenso wie die daraus folgenden gesundheitlichen und sozialen Probleme. Die Erosion der Böden ist im Wesentlichen eine Konsequenz aus den landwirtschaftlichen Monokulturen mit enormem Verbrauch an Düngemittel und Chemikalien, die ihrerseits aus fossilen Rohstoffen hergestellt wurden. Die Ausbreitung der Wüsten, Armut, Landflucht, Überbevölkerung, Nord- Süd- Konflikt entstehen zu einem guten Teil aus dem Mangel an erneuerbaren Energien im Rahmen einer Weltwirtschaft, deren Technologien eben auf der Nutzung knapper fossiler Brennstoffe beruhen.

Die Potenziale des Sparens

In kleinen städtischen Blockheizkraftwerken können regenerative Energien dezentral eingesetzt werden und die Kraft- Wärme- Kopplung ausgenutzt werden.

Statt nur schmerzlichen Verzicht an Quantität zu fordern, gehört zum Engagement der Umweltaktivisten auch immer der Hinweis auf die Erhöhung der Lebensqualität.

Von der fossilen zur solaren Kultur

 Hermann Scheer: „Auf Deutschland strahlt viermal mehr Energie von der Sonne, als wir im Jahr an atomaren und fossilen Energien verbrauchen. Etwa ein Drittel des heutigen Stromverbrauchs geht in Stromheizungen und könnte durch Energie sparendes bauen weitgehend eingespart werden. Würde man ein weiteres Drittel durch Windkraft ersetzen, dann brauchte man dazu etwa 50 000 Anlagen mit einer Leistung von je 1,5 Megawatt. Allein die Revitalisierung der alten Wasserrechte für Kleinwasserkraftanlagen mit modernen Turbinentechnik würde die Hälfte des deutschen Atomstroms oder zehn Großkraftwerke ersetzten. Nicht zu vergessen sind die Potentiale der Biomasse und der Photovoltaik. Mit summarisch 1500 m² an Solarfläche könnte man ein weiteres Drittel unseres Gesamtstrombedarfs abdecken. Das alles lässt sich errechnen.“

Den enormen Widerstand gegen die Solarenergie begreift Scheer als Überlebenskampf eines untergehenden Industriesystems, das seine ganze Macht auf fossile Energien gebaut hat und nun um den Bestand seiner daraus entstandenen zentralistischen Kartellstrukturen und Monopole sowie seiner globalen Marktbeherrschung mit deren gewinnbringenden Abhängigkeitstrukturen fürchtet. Den hohen Kosten einer Energiewende stellt er die viel größeren Kosten einer fortschreitenden Zerstörung der Ökosphäre, der menschlichen Gesundheit, der materiellen Schäden durch immer mehr Kriege um Ressourcen und die kulturellen Kosten eines zunehmenden Werte- und Gesellschaftszerfalls entgegen.

„Mein genereller Rat an alle Solarenergie- Akteure ist: Überlassen sie nie die Einführung der Solarenergie dem bestehenden Energiesystem und seiner Ökonomie; dies wäre gleichbedeutend damit, eine Nichtraucherkampagne der Tabakindustrie zu überlassen.“

 Martin Green konnte mit polykristallinen Silikonbeschichtungen die technische Effizienz von Solarzellen erhöhen: der Prozentsatz, die in den Zellen sofort in elektrischen Strom umgewandelt wird, wurde auf 24,5 % gesteigert. Mit seiner neuesten Generation von Solarzellen, bei deren Herstellung keinerlei umweltschädigende Substanzen verwendet werden müssen, besteht nun die Hoffnung, dass die Solarenergie in Zukunft deutlich billiger wird.

Kapitel 11: Kooperative Gemeinschaften und Demokratie

Menschliche Gemeinschaften sind Ökosysteme der ganz besonderen Art. Ein feines, meist unsichtbares Beziehungsnetz ist ihre Grundlage- ein Netz, das viel zu selten wahrgenommen wird.

Das Subsystem kann nur lebensfähig sein, wenn es die labilen Gleichgewichtsregeln des größeren Systems anerkennt, in das es eingebettet ist. Hierbei wird deutlich, dass eine auf Konkurrenz und Hierarchie auf bauende globalisierte Welt den systemischen Grundregeln zuwider läuft und zwangsläufig Beziehungen und Gemeinschaften zerstört- biologische wie menschliche. Angesichts des tragischen Zerfalls von traditionellen und indigenen Kulturen ist das offensichtlich geworden: Wenn das Ökosystem, an das sich indigene Kulturen angepasst haben, wegen des Ressourcenhungers der Industriegesellschaft zerstört wird, zerfallen auch die Gemeinschaften. Wenn das hoch differenzierte lokale Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Natur durch standardisierte Regeln ersetzt wird, kippt das labile Gleichgewicht und führt zu ökologischer, sozialer, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Instabilität.

Wenn man die globale ökologische Krise als Ausdruck einer Spaltung zwischen Mensch und Natur versteht, dann zeigt sich, dass diese gestörte Beziehung bis auf die Ebene der persönlichen Identität reicht. Ein Weltbild, das den einzelnen Menschen aus seiner natürlichen Mitwelt herausschneidet und das kämpferische Individuum idealisiert, ignoriert mit dem Netz des Lebens, von dem der Einzelne getragen wird, auch die biosphärische Gemeinschaft. Hinzu kommt: Je enger das Verständnis von Identität beim isolierten Menschen wird, desto anfälliger ist es. Deshalb hängt da Identitätsproblem direkt mit der Abwesenheit funktionierender Gemeinschaften zusammen, so Arne Naess. Umgekehrt gilt, dass Mitgefühl, Solidarität, Verbundenheit, Verantwortung und Liebe nur in Beziehungen entstehen können. Je vielfältiger das Netz unserer Beziehungen zur Welt, desto verbundener fühlen wir uns mit der Gemeinschaft des Lebendigen- mit leidenden Mitmenschen, Tieren, Pflanzen, Ökosystemen. Je tiefer wir verbunden sind, desto weniger empfinden wir uns als abgetrennt und bedroht. Je mehr wir eingebunden sind, desto kooperativer wird unser Umgang mit dieser Welt, die mehr und mehr als ein Teil unserer selbst erfahren werden kann.

Geht die persönliche oder kulturelle Identität verloren oder hat gar keine Chance sich zu entwickeln, werden die Menschen zum willenlosen Objekt einer globalen Industriegesellschaft, ohne eigene Visionen und ohne Kraft, zu widerstehen und alternative Modelle zu entwickeln. Ein isoliertes Individuum fühlt sich hilf- und machtlos, viel zu klein, um gegen globale Entwicklungen anzukämpfen. Apathie, Fatalismus oder ohnmächtige Wut sind die Folge.

Die Kleinfamilienstruktur, die infolge der modernen Industriegesellschaft entstanden ist, scheint angesichts der gigantischen Scheidungsraten nicht geeignet, die Bedürfnisse nach Gemeinschaft und emotionaler Sicherheit zu befriedigen. Der ökonomische Druck, der meist beide Eltern zur Lohnarbeit zwingt, erschwert das Leben in der Kerngemeinschaft Familie, bietet den Kindern zu wenig Halt und führt dazu, dass die Werte der alten Generationen nicht mehr weitergegeben werden können.

Die Zwänge und die Geschwindigkeit der Industriegesellschaft vergrößern die Distanz zur Natur und zur lokalen Gemeinschaft; die Forderung nach möglichst unbeschränkter Mobilität verhindert die Verwurzelung und Übernahme von Verantwortung vor Ort. Mitbestimmung und demokratische Prinzipien werden delegiert, dabei leidet aber häufig der Kontakt zur Lebenswirklichkeit. Das Primat von Profit und ewigem Wachstum macht den Einzelnen zur Verfügungsmasse: Er hat dorthin zu gehen, wo er gebraucht wird. Traditionelle Dorfstrukturen zerfallen, weil alte Agrarstrukturen standardisierten Monokulturen weichen und die Landwirtschaft nicht mehr als kulturelle Basis der Gesellschaft gilt. Möglichkeiten staatlicher Institutionen, diesen Prozess zu stoppen, schwinden, je mehr Entscheidungsmacht an zwischenstaatliche Organisationen und transnationale Konzerne abgegeben wird.

Menschliche Produktivität und Lebensqualität sind dort am größten, wo Menschen in einem überschaubaren Rahmen kooperieren. Erst im bescheidenen Abschied vom Größenwahn sah Leopold Kohr die Möglichkeit einer verantwortungsvollen Zukunftsgestaltung und wurde damit zum Lehrer von Hans Jonas und Ernst F. Schumacher. Nicht im permanenten Wachstum liege das Wohl des Menschen, so betonte Kohr, sondern im menschlichen Maß: Wo immer etwas falsch ist, ist es zu groß.

Alternative Gemeinschaften

Rund 500 Ökodörfer gibt es heute in der Welt, gemeinsam organisiert vom Global Ecovillage Network (GEN), 200 davon in Europa.

Nachhaltigkeit heißt die eigenen Wertmaßstäbe ändern, heißt anders in der Welt sein, heißt die Schöpfung neu wahrnehmen. Es heißt, aus einer konkurrierenden Rechthabergesellschaft auszusteigen, dem Geld nicht mehr so viel Macht zu geben und stattdessen mehr nach Glück zu suchen, heißt Veränderung und persönliches Wachstum.

Die Vorteile gemeinschaftlichen Lebens liegen auf der Hand: Wer zusammen lebt und wirtschaftet, braucht weniger und lebt billiger. Gemeinschaftlich leben heißt: Arbeit teilen und sich abwechseln. Kooperation und Austausch ermöglichen weitgehende Selbstversorgung und Unabhängigkeit von der Geldwirtschaft. Kinderbetreuung und Erziehung können delegiert oder zur Aufgabe aller werden, klassische Mütter- und Väterrollen werden nicht mehr zwangsläufig gebraucht. Kinder haben viele Bezugspersonen, Scheidungskinder keinen Mangel an Rollenvorbildern. Wer gemeinsam mit anderen die eigene Existenz sichert, kann selbst bestimmen, was er tut, von anderen dazulernen, Arbeitsbereiche wechseln. Je höher die Kooperation, desto größer die Freiheit. Je größer die Selbstbestimmung, desto mehr löst sich die künstliche Grenze zwischen unangenehmer Lohnarbeit und ersehnter Freizeit auf. Und je größer die Vielfalt, die Anregung und der Kontakt, desto geringer das Bedürfnis, die innere Leere mit Konsum, Drogen oder Gewalt zu füllen.

Vielfalt lautet das eigentliche Schlüsselwort gemeinschaftlichen Lebens. Gemeinschaft- so zeigt sich trotz des verbreiteten Vorurteils- heißt eben nicht Gleichheit und Gleichmacherei. In einer Zeit, in der die Anpassung Hochkonjunktur hat und in den Gehirnen, auf den Feldern und in den Medien Monokulturen vorherrschen. Liegt in dieser Erkenntnis das eigentliche kulturelle Modell gemeinschaftlichen Lebens. Es gibt letztlich nur eine starke Gemeinschaft, wenn sie starke Individuen hat, die sich mitteilen, statt sich abzugrenzen.

Es sind Träume von Gleichheit und Gerechtigkeit, von freier persönlicher Entfaltung, vom Spaß am selbstbestimmten Arbeiten. Es ist der bewusste Ausstieg aus einer Welt, die auf Konkurrenz und Hierarchie basiert, und der unsichere Einstieg in ein soziales Experiment, wo auf Kooperation, Vertrauen und menschliche Heimat gesetzt wird. Es ist der Versuch, im Kleinen zu schaffen, was im Großen immer noch misslingt. Dabei sind die Probleme nicht kleiner, aber übersichtlicher. Und das Selbstvertrauen der Bewegung wächst. Bei der letzten Habitat- Konferenz beantragte das Global Ecovillage Network, das mittlerweile bei der UNO akkreditiert ist, die Gründung von weltweit 50 Ökodörfern, in denen mit einer internationalen Förderung von 100 Mio $ die sozialen Experimente wissenschaftlich begleitet und weiterentwickelt werden sollten.

Praktisch alle Modelle für eine eigenständige Entwicklung der Dritten Welt, die seit 1980 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurden, zielen im Kern auf eine Wiederbelebung regionaler Gemeinschaften, die Neuentdeckung traditionellen lokalen Wissens, die Rückbesinnung auf eigene spirituelle Werte, Methoden kleinräumigen und selbstversorgenden Wirtschaftens, gegenseitige Kooperation und Basisdemokratie.

Es geht darum, eine Gegenkultur aufzubauen, die sich nicht an den industriellen Konsumidealen orientiert, sondern am Gemeinwohl und den Grundbedürfnissen der Menschen.

Gemeinschaften sind keine Modelle in dem Sinn von: Alles nachmachen und die Welt wird gut. Keine hat den Stein der Weisen gefunden. Doch fast jede hat einen Splitter dieses Steins in der Hand. Und wer die Bruchstücke zusammensetzt, erhält einen Eindruck von einer möglichen und sehr lebenswerten Zukunft: statt Globalisierung und Wirtschaftskrieg regionales, kooperatives Wirtschaften, statt zunehmender Vereinzelung Rückkehr zum Leben in Gemeinschaft, statt Sinnkrise kulturelle Vielfalt und persönliches Wachstum. Und statt der Ökokatastrophe die Möglichkeit eines nachhaltigen Lebensstils mit weniger Konsum, gesunder Umwelt und Ernährung bei hoher Lebensqualität.

Politische Reform aus der Küche

Auch in den Städten der ersten, zweiten und Dritten Welt ist der Zerfall von Gemeinschaften spürbar, der sich in wachsender Vereinsamung, sozialer Not, beruflichem Stress, dem Ruin kleiner Läden und Betriebe, zunehmender Abhängigkeit von Supermärkten und dem Gefühl der Fremdbestimmung zeigt.

Anstatt auf Gewinn zu wirtschaften verteilt das Projekt Seikatsu Club allen Mehrwert auf die eignen Mitglieder und wächst dabei trotzdem kontinuierlich weiter. Anstatt Reichtum durch die Ausbeutung anderer zu erwirtschaften, setzt die Initiative auf faire Handelsbedingungen, fördert die Unabhängigkeit der Produzenten und Konsumenten von staatlichen Eingriffen oder multinationalen Unternehmen und kann dabei gleichzeitig gemeinschaftsbildend wirken.

Zwar sind die Verbraucherinitiativen noch weit von der Vision entfernt, eine bewusst gestaltende globale Gemeinschaft zu sein, doch auch hier ist ein Anfang gemacht. Produktkontrollen, Kennzeichnungspflichten, Warnsysteme, Recyclingsbestimmungen sind in den meisten Ländern heute normal, Verbraucherschutzministerien werden immer öfter geschaffen, Verbraucher- Koops schaffen an vielen Orten ein Gegengewicht zur Vereinzelung der modernen Konsumwelt.

Aus wenig viel machen

Sieht man nach dem konventionellen mechanistischen Weltbild Dörfer als abgelegene, tote Verwaltungseinheiten, dann können sie nur durch spendable Finanzspritzen aus den zentralisierten Metropolen erhalten werden. Versteht man menschliche Gemeinschaften aber als lebendige Systeme, die sich in ihrer natürlichen Umwelt selbst erschaffen, eigenständig organisieren, selbst erhalten und evolutionär entwickeln, dann entsteht daraus ein ganz neues Konzept wirtschaftlicher und kultureller Entwicklungspolitik: Denn dann geht es im Wesentlichen darum, menschlichen Gemeinschaften die Freiheit und den Raum zu geben, sich nach ihren eigenen Bedürfnissen, Kenntnissen, Traditionen und Möglichkeiten eigenständig zu organisieren.

„Was wir sehen, hängt davon ab wo wir stehen. Des einen Problem ist des anderen Lösung.“ John F. Turner

Turner hatte erkannt, dass es viel sinnvoller war, auf die Fantasie, Kreativität und gegenseitige Hilfe der Bewohner zu bauen, anstatt die Slums abzureißen und durch seelenlose Betonbaracken zu ersetzen. Dann die Überlebenskunst der armen Zuwanderer, die sich am Rand der Stadt eine Existenz aufbauen wollten, war von Hoffnung und Solidarität geprägt. Staatliche oder internationale Projekte, die ihnen die Initiative abnehmen, hätten sie zu passiven Hilfsempfängern gemacht. Turner forderte als Koordinator der Habitat International Coalition (HIC) zwecks Bekämpfung der Obdachlosigkeit Programme zur Förderung kommunaler Selbstverantwortung: Erst wenn die Regierung Hilfe zur Selbsthilfe anbieten, kann das immense Potential zur eigenständigen Entwicklung dieser Völker realisiert werden. Zu wissen, was selbst bitterarme Menschen aus eigener Kraft bewirken, straft Behauptungen Lügen, die uns weismachen wollen, staatliche oder marktwirtschaftliche Strategien könnten Gemeinschaftsinitiativen der Menschen ersetzen.

Um hier stabile Gemeinschaften zu schaffen, muss das Verständnis von Macht neu definiert werden: Statt Macht als Möglichkeit staatlicher Institutionen zu verstehen, anderen zu sagen, was sie tun sollen, sollte der Schwerpunkt darauf gelegt werden, den Menschen die Macht zu geben, ihre Fähigkeiten zu entwickeln, das zu tun, was sie selbst tun können.

Das Experiment Living Democracy

Statt wie im Modell der repräsentativen Demokratie Politiker in zentralistische Institutionen wie Parlamente zu wählen und damit Verantwortung zu delegieren, entwickeln eigenverantwortliche, organische kleine Gemeinschaften viel mehr kooperative und basisdemokratische Strukturen. Sie setzen weniger auf demokratische Mehrheiten, die oft genug von wirtschaftlicher Macht geprägt sind, als auf Konsensmodelle. Die offensichtliche Überlegenheit der vorgestellten Modelle beruht darauf, dass sie von Menschen entwickelt wurden, die von Problemen unmittelbar betroffen waren und aus ihrer persönlichen Erfahrung heraus nach einer anderen Zukunft suchten. Sie entstanden nicht nach Plan, sondern entlang den Problemen im Dialog unterschiedlicher Sichtweisen und waren offen für weitere evolutionäre Entwicklungen. Und zu nachhaltigen Lösungen kam es dort, wo die betroffenen aktiv daran beteiligt waren, die eigenen Entscheidungen auch umzusetzen. All diese Ansätze sind zutiefst demokratisch. Sie stellen nicht- wie so oft behauptet- die Demokratie infrage, sondern machen sie vielmehr von einer Regierungsform zu einer Lebensweise.

„Die Existenz von Hunger ist mit einer wirklichen Demokratie unvereinbar.“ Frances Moore Lappe

Hunger ließ sich zurückführen auf mangelnde Selbstbestimmung und profitorientierte Strukturen eines globalen Wirtschaftsspielkasinos, bei dem Teile der Weltbevölkerung einfach nicht mitspielen können. Hunger, so wurde zudem deutlich, entsteht in zahlreichen Ländern durch ausbeuterische elitäre Regime, die von den Regierungen der ersten Welt militärisch und wirtschaftlich massiv unterstützt werden.

Lebendige Demokratie wird als Lernprozess verstanden, der selbst organisiert zu neuen Methoden der Partizipation, der Selbsthilfe und Gemeinschaftsbildung führt. Er kann sich in Initiativen, Bürgerbegehren, Demonstrationen, öffentlichen Diskussionen, Nachbarschaftshilfen, NGOs, alternativen Denkfabriken oder in vielen anderen Formen zeigen. Basis all dieser Graswurzelinitiativen aber ist ein neues Paradigma von Öffentlichkeit, Macht, Teilhabe und Eigeninteresse. Das Center for Living Democracy arbeitet deshalb daran, konventionelle Mythen und Glaubenssätze über Demokratie infrage zu stellen und neu zu definieren:

Die moderne Konsumgesellschaft trennt öffentliches und privates Leben. Das Konzept lebendiger Demokratie geht davon aus, dass jeder Mensch immer auch öffentliche Figur und in zahllose öffentliche Beziehungen eingebunden ist. Sie bewusst mitzugestalten erhöht und intensiviert persönliches Wohlbefinden, Lebenssinn, Selbstwert, Wachstum, soziale Kontakte und ist damit integraler Bestandteil unseres Strebens nach Glück. Engagement gilt hier nicht mehr als anstrengende Last, die delegiert werden sollte, sondern als Quelle von größerer Zufriedenheit, tieferen Beziehungen, Selbsterkenntnis, ständigem Lernen, moralischer Integrität, sozialer Anerkennung und höherer Lebensqualität.

Die Glaubenssätze eines auf Konkurrenz basierenden Weltbildes haben die legitimen Eigeninteressen der Menschen als egoistischen Eigennutz diffamiert, der von der Gesellschaft kontrolliert und eingeschränkt werden müsse. Das Konzept lebendiger Demokratie geht davon aus, dass legitimes Eigeninteresse der wesentliche Impuls für gesellschaftlichen Wandel ist und sich erfolgreich immer nur in einer Gemeinschaft verwirklichen lässt, in der die eigenen Interessen mit denen anderer kooperieren. Statt Macht als Ausdruck eines kurzfristigen Sieges der eigenen und der Niederlage anderer Interessen zu verstehen, propagiert es die Idee nachhaltiger Macht.

Während das alte Konzept von Macht auf einem Weltbild gründet, in dem jeder gegen jeden kämpft, wird daraus unter der systemisch- ökologischen Perspektive die Synergie. Diese neue Macht entsteht durch Begegnung und Austausch, durch Offenheit und Feedback, durch vielfältige Differenzierung bei wachsender Komplexität. In sozialen Systemen ist zu viel hierarchische Macht zerstörerisch, weil sie Vielfalt zerschlägt, Feedback verhindert und Selbstorganisation stört. Selbstorganisation und –verwaltung aber brauchen den freien Fluss von Informationen, die Offenheit und Begegnung.

Nur aus den gemeinsamen Fähigkeiten vieler entsteht der kreative Impuls, den die Systemtheorie Synergie nennt. Positive kreative Macht, so der Ansatz, entsteht aus Beziehung und aus der Verbindung mit anderen. Deshalb ist die Pflege von Beziehungen, die Erfindung von gemeinschaftlichen Ritualen, das Feiern von gemeinsamen Festen, die gegenseitige Anerkennung individueller Potenziale und die Entwicklung kollektiver Kreativität die zentrale Aufgabe eines community building für eine neue demokratische Kultur.

Mit der Geige aus der Gosse

Sie waren menschlicher Ausschuss nach den Maßstäben der globalisierten Wirtschaft, die in den Ländern der Dritten Welt nach Arbeitskräften verlangt, die billiger hochwertige Produkte für den Weltmarkt produzieren sollen. Keiner von ihnen hätte auf diesem Arbeitsmarkt eine Chance gehabt.

Jährlich erhalten 11 000 Kinder in Venezuela vom Staat ein Musikinstrument und die Gelegenheit, in eines der 180 Nachwuchsorchester einzutreten. Nicht nach Jahren eines mühsamen und nicht finanzierbaren Musikunterrichts, sondern vom Fleck weg: ganz unabhängig davon, dass ihre Geigenkunst erst mal nach jammernden Katzen klang. Ein psychologischer Trick mit enormen Folgen.

Das Orchester ist weit mehr als nur eine künstlerische Struktur, sagt Jose Antonio Abreu. Wenn die jungen Menschen Musik machen, treten sie in eine tiefe Beziehung zueinander, setzen sich höchste Maßstäbe, lernen zu kooperieren und erfahren die gegenseitige Abhängigkeit von Instrumentalgruppen, Stimmen und Solisten. Durch seine musikalische Botschaft wir die Orchestergemeinschaft für sie selbst zu einem Instrument, durch das die komplexe Mischung aus vielen dynamischen und unbewussten Werten lebendig wird.

Das gemeinsame Musizieren sollte die Kinder aus dem Teufelskreis herausführen. Dazu war es notwendig, die elitäre Kultur klassischer Musik aufzubrechen und die Orchester vom starren Rahmen der Konzertsäle zu befreien. Im Gegensatz zu den verkopften Ritualen des traditionellen Musikunterrichts, nach denen eine Aufnahmen ins Orchester erst nach jahrelangen Fingerübungen möglich war und jeder junge Musiker sich mühsam in der Hierarchie nach oben spielen musste, wurde in diesem Konzept jeder so akzeptiert wie er war.

Die Orchesterarbeit gibt Jugendlichen einen Lebensmittelpunkt und verhindert Drogenmissbrauch, Alkoholismus, Prostitution, Kriminalität und Gewalt. Die Musik wird zur Quelle persönlichen Wachstums und für jeden Einzelnen zum Modell dafür, aus eigener Kraft und unterstützt von der Gemeinschaft ein Ziel zu erreichen, das weit außerhalb des eigenen Horizonts liegt. Die gemeinsame Arbeit fördert das Gefühl von Identität und Bezogenheit, die soziale Resonanz auf die musikalische Leistungen in der Familie und am Heimatort schafft soziale Integration und Selbstbewusstsein. Auch jene, die keine musikalische Karriere einschlagen, haben durch das Orchester gelernt, sich ein Ziel zu setzen, sich zu organisieren, zu kooperieren und Teil eines größeren Ganzen zu sein. Weil der Zusammenklang der Maßstab war, sind Harmonie, Synergie und Solidarität zu lebendigen persönlichen Werten geworden. Die Rolle des Vorbilds, die solch ein Jugendlicher für seine Geschwister, Familie, Freunde oder ein Dorf aufgrund seines Erfolges spielt, setzt eine komplexe gesellschaftliche Dynamik in Gang.

Der letztlich reformpädagogische Ansatz, jedem unabhängig von seiner Herkunft in seinen Potentialen ernst zu nehmen, hat den Jugendlichen gezeigt, dass sie den sozialen Rahmen, in den sie geboren werden, verlassen können. Die große Familie des Orchesters hat in vielen Fällen den Mangel an Zuwendung ausgleichen können, dem die Kinder in kaputten Familien und sozialer Not ausgesetzt waren. Sensorische, psychosomatische, soziale und Bewusstsein bildende Prozesse konnten nachgeholt werden. Jeder hatte hier, über Stimme und Instrument, die Möglichkeit, seinen persönlichen Ausdruck und Selbstwert zu finden.

Die Behauptung, dass musikalische Erziehung, soziale Identität, Selbstverwirklichung und nachhaltige Entwicklung aus Musik wachsen können, war außerhalb des Vorstellbaren. Doch tatsächlich zeigt auch dieses Beispiel, wie weit in einem lebendigen sozialen System ein einzelner Impuls komplexe gesellschaftliche Entwicklungen in Gang setzen kann.

Kapitel 12: Zukunft: Ausstieg aus dem Zeitkäfig 

Sie kann ebenso bedrohlich sein wie verlockend. Sie kann die Menschen dazu bringen, apathisch dem eigenen Untergang entgegen zu dämmern, oder ungeahnte Kreativität und Visionen freisetzen- die Zukunft. Die Auseinandersetzung mit dem, was sich aus der Gegenwart entwickeln kann, ist der eigentliche Motor aller Initiativen für die Nachhaltigkeit.

Über Jahrtausende haben Menschen Zeit als ein geheimnisvolles zyklischen Phänomen wahrgenommen, als einen heiligen Rhythmus von Sonnenauf- und Untergang, von Sommer, Herbst, Winter, Frühling, von Tod und Wiedergeburt. Alles schien zu vergehen und wiederzukommen. Das Geheimnis der fließenden Zeit schien in den Händen der Götter zu liegen, die über die Lebensspanne des Einzelnen herrschten. Als einziger Weg, das Schicksal zu beeinflussen, galten Rituale, in denen sich Menschen symbolisch den unbekannten Gesetzen unterwarfen.

Mit der Aufklärung sollte der alte Schicksalsglaube vom Tisch gewischt werden. Mit Newton, Bacon, Laplave und Descartes begann eine bis heute dauernde Periode, in der die Zukunft entschlüsselbar zu werden schien. Die Kenntnis der mechanischen Naturgesetze in einem maschinenartigen Universum vorausgesetzt, schien es der Forschung früher oder später möglich zu sein, alles was jemals passieren würde, bis ins kleinste Detail im Voraus zu erkennen. Doch in dieser Aufklärung lag nur wenig Befreiung. Das Ausgeliefertsein ans Schicksal blieb. Denn mit dem Determinismus eines mechanischen und strikt linearen Universums war der Mensch samt seiner Kreativität zum Sklaven der Naturgesetze oder zum Zahnrad in der universellen Maschine geworden: letztlich ohne Hoffnung, ohne ethischen Sinn, ohne Verantwortung und ohne die Möglichkeit der Einflussnahme.

Im 20. Jhdt. aber wurde dieses Bild der Welt erneut auf den Kopf gestellt. Mit der Entdeckung der kosmischen und biologischen Evolution bekam die Zeit zwar einen Anfang, aber sie hat nun kein sichtbares Ende mehr. Mit der modernen physikalischen Grundlagenforschung wurde einer kleinen Forschergemeinde zudem deutlich, dass die Schöpfung keine einmalige Angelegenheit und die Zukunft deshalb nicht vorherbestimmt ist. Im Gegenteil, so der Quantenphysiker Hans- Peter Dürr:

„Die Zukunft liegt nicht fest, sie ist offen, und die Schöpfung ist nicht abgeschlossen. D.h. jeden Augenblick wird eigentlich die Zukunft wieder selbst geformt, wohl auf der Grundlage der jetzigen Gegebenheiten, aber nicht mit der Bestimmtheit eines Determinismus. Die neue Physik stellt vielmehr fest, dass die Zukunft unendlich viele Möglichkeiten der Ausprägung hat, aber noch gewisse Wahrscheinlichkeiten vorgegeben sind. Sodass man sagen kann: Die augenblickliche Situation bereitet den nächsten Schritt vor, aber eben nur in einer ziemlich unbestimmten Form. Und mir als Beteiligtem kommt damit die Möglichkeit zu, einzugreifen, die Zukunft auf eine gewisse Weise zu formen. Und hier besteht die Möglichkeit meines absichtlichen Handelns. Diese neue Freiheit führt aber auch zu einer neuen Verantwortung.“

Die Einsichten in die Gesetze der Evolution haben gezeigt, dass Veränderungen nicht auf einem linearen Zeitpfeil stattfinden, sondern eher dem Geäst eines Baumes ähneln, der sich immer weiter verzweigt. Die moderne Kosmologie hat zudem deutlich gemacht, dass die menschliche Kultur Teil einer kosmischen Evolution ist, die sich über Mrd. Jahre entfaltet hat. Doch die gesellschaftliche Entwicklung und das menschliche Selbstverständnis haben mit diesen Erkenntnissen nicht mithalten können. Mit der Erfahrung der atomaren Zerstörungskraft ist das Vertrauen in die Kontinuität des Lebens zerbrochen, währen durch die modernen Technologien die Zeiträume, in denen grundlegende Veränderungen stattfinden, immer kleiner werden. Während sich die Gesellschaft dem Stress einer Beschleunigungskrise ausgesetzt sieht, in der Neuerungen nicht mehr im Laufe der Zeit von der viel langsameren Evolution geprüft werden können, wirft die menschliche Technologie einen immer längeren Schatten auf die Lebensbedingungen zeitlich weit entfernter, künftiger Generationen.

Betrachtet man unser Verhältnis zur Zeit, dann scheint es, als ob wir uns in einem immer kleiner werdenden Käfig befinden, der uns von der Vergangenheit wie von der Zukunft abtrennt, während wir uns in ihm in immer rasenderer Geschwindigkeit bewegen.

Gerade die Tatsache, dass politische, wissenschaftliche und ökonomische Entscheidungen der Gegenwart so weit in die Zukunft hineinreichen, führt bei vielen Menschen dazu, eine tief greifende emotionale Bindung zu künftigen Generationen zu entwickeln, die von einem Gefühl der Verantwortung geprägt ist.

Konventionelle Zukunftsforschung hat sich im Wesentlichen darauf konzentriert, gegenwärtige Trends linear fortzuschreiben und sich dabei nicht selten an fast religiösen Visionen eines Technikparadies orientiert. Dabei wurde das gegenwärtige ökonomische Denken in die Zukunft projiziert und alles gegenwärtige Handeln einem ewig geltenden Wachstumsideal unterworfen.

Statt sich als passive Zuschauer schicksalsergeben einer irgendwie vorherbestimmten Zukunft zu unterwerfen, begreifen sich die meisten Aktivisten als aktiv gestaltende Subjekte im Prozess der gesellschaftlichen Reise in die Zukunft.

Zukunftswerkstätten: das Morgen selbst erfinden

Die Arbeit an der Zukunft, so Jungk, beginnt im unmittelbaren Lebensumfeld der Betroffenen, die für die Gestaltung ihres Umfelds immer selbst die besten Experten sind. Man muss sie nur auf ihre Bedürfnisse und Erfahrungen ansprechen, dann öffnet sich ein riesiger Reservoir an Ideen und Vorschlägen, ein Schatz an Einfallsreichtum, der es durchaus mit den Gutachten der Experten aufnehmen kann.

Zukunftsräte: der Zukunft eine Stimme geben

Heute entsteht die Forderung, aktuelle Entscheidungen so zu treffen, dass sie fehlerfreundlich und leicht korrigierbar sind. Ebenso liegt die Forderung nahe, heute schon Institutionen zu schaffen, in denen die Interessen zukünftiger Generationen vertreten werden.

„Dieser Rat würde eine ähnliche Funktion haben wie z.B. die Bundesbank, die ja über die ökonomische Stabilität wacht und auch nicht einfach von der Tagespolitik außer Gefecht gesetzt werden kann. Genauso müssen wir eine Institution schaffen, die die Interessen der Zukunft bewacht und die auch der Tagespolitik gegenüber Stopp sagen kann. Wir müssen für eine solche Institution kämpfen.“

Ausklang

Botschafter einer möglichen Zukunft

Während das Ausmaß, der Umfang und die Geschwindigkeit der Desintegration und der Instabilisierung von ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen zunehmen, wächst dicht unter der Oberfläche dieser Besorgnis erregenden Szenerie mit ungeheurer Dynamik ein Wurzelwerk, aus dem sich eine völlig neue Zukunft entfalten könnte.

Vision und Wirklichkeit

Die Aktivisten, die es geschafft haben, aus dem sich immer schneller drehenden Hamsterrad der alltäglichen Anforderungen auszusteigen, die mit einer erneuten Beziehung zur Welt ihre Reaktionsfähigkeit wie Kreativität aktivieren konnten und die es schafften, alternative Konzepte zu entwickeln und sie gegen den enormen Druck der herrschenden Zwänge praktisch umzusetzen, scheinen der Mehrheit einiges vorauszuhaben. Weil sie das tun, was der Impuls des Lebens und Überlebens von jedem verlangt, werden sie zu gesellschaftlichen Leitfiguren, zu Modellen der Right Livelihood, zu Vorbildern und Botschaftern für eine neue Zukunft.

Sie belegen, dass die Handlung irgendeines Individuums sich auf das ganze Netz des Lebens positiv auswirken kann. Keiner der Aktivisten hat je die Bereitschaft geäußert, sich die Probleme der Welt auf die Schultern zu laden und sie im Alleingang zu lösen. Alle scheinen sich als Teil des Netzwerks zu empfinden, das durch vielfältiges und unterschiedlichstes Reagieren kleine Impulse in das Gewebe der Welt schickt. Die meisten gerieten unverhofft in die Rolle des personifizierten Zugpferdes auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft. Sie folgten lediglich ihrem eigenen Weg.

Wangari Maathai: „Wenn man weiß dass man vom Ziel der Reise noch weit entfernt ist, kann man es sich gar nicht leisten, aufzugeben- man muss weitergehen und das Beste geben. Man muss die Menschen ermutigen, die mitgehen, und sich von ihnen ermutigen lassen und ihnen immer wieder sagen, dass man nicht stehen bleibt, bis man da ist. Nur wer den ganzen Weg sieht, wird nicht müde. Das ist meine Energiequelle. Ich werde nicht müde, weil ich gar keine Zeit dazu habe.“

Rosalie Bertrell: „Es gibt kein lebendiges Wesen der Zukunft der Erde, sei es eine Pflanze, ein Tier oder ein Mensch, das nicht schon jetzt in den Spermien, Eiern der heutigen Wesen als Potential und Same gegenwärtig ist. Es ist alles schon da. Künftiges Leben kommt nicht vom Mars oder sonst woher. Lebende Wesen entstehen aus lebenden Wesen. Und wir tragen diesen besonderen Keim für alle Zukunft in unseren Körpern, in unserer DNA. Und damit sind wir verantwortlich für das, was wir an künftige Generationen übergeben.“

Statt zu verdrängen, wird deshalb von allen hier genannten Visionären zunächst einmal die Wirklichkeit mit all ihren Problemen schonungslos anerkannt und psychologisch zum eigentlichen Treibstoff für das Engagement gemacht. Deshalb lautet die erste Grundregel aller Visionen einer Welt von morgen: anerkennen, was ist.

Die Visionen der Grundlage des politischen Engagements zu machen und trotzdem nicht den Kontakt zur politischen Realität zu verlieren bleibt eine kontinuierliche Gratwanderung. Dabei spielt der Realitätsgehalt des inneren Bildes einer möglichen besseren Zukunft eine untergeordnete Rolle. Dass große Probleme auch große Gegenentwürfe erfordern, darin sind sich selbst die unterschiedlichsten Träger des Alternativen Nobelpreises einig. „Habt Mut zu großen Gedanken.“ George Trevelyan.

Hermann Scheer: „Riesige Gefahren einerseits und kümmerliche Konzepte andererseits, das verträgt sich nicht, entmotiviert und produziert Fatalismus. Die existenziell notwendige Neuorientierung zu einer neuen ökologischen Politik braucht den programmatischen Mut zu grand strategies.“

Dabei sind, so könnte man entgegenhalten, große Strategien der Weltverbesserung nichts neues in der Geschichte der Menschheit. Kämpften doch alle große Ideologien- von den Visionen der frz. Revolution, den bürgerlichen Befreiungsbewegungen, bis hin zum Kommunismus, Faschismus und dem globalisierten Liberalismus- für eine angenommene bessere Welt. Doch ihr Verständnis gesellschaftlicher Veränderungsprozesse war wie ihr ganzes Weltbild linear. Der hohe Blutzoll, den die Visionäre der Vergangenheit gerade im 20. Jhdt. provozierten, folgte aus den Prinzipien von Konkurrenz, Macht und Kontrolle. Patriarchale Werte, die ihre Logik aus einem geschlossenen Weltbild ziehen, in dem die Zukunft vorbestimmt und Alternativen unterdrückt werden müssen. Ideologien reduzieren die Zukunft, indem sie nur noch eine zuließen. Doch das Utopia, das da in den Köpfen ökologischer Pioniere entsteht, hat einen anderen Charakter als die Zukunftsentwürfe der Vergangenheit. Weil die moderne Wissenschaft davon ausgeht, dass die Zukunft offen ist und eine Vielzahl von Möglichkeiten und Potenzialitäten besitzt, ähneln die neuen Zukunftsentwürfe eher einem Spiel als einer Ideologie:

„Die alten Utopias führten zu künstlichen Modellen der Zukunft, für deren Verwirklichung man das Vorhandene zerstören muss. Künstliche Utopias schaffen immer ihre eigene Form von Gewalt, auch wenn ihre Absichten noch so gut sind. Für mich aber besteht Hoffnung, wenn ich sage, ich lebe diesen eigenen Weg, dieses Leben, mit all seiner Komplexität und Vielfalt. Für mich liegt Hoffnung in der Kontinuität des Lebens und seiner Prozesse, nicht nur in einem Idealbild, das irgendwo da draußen ist und mich anzieht. Diese Lebensprozesse, die wir sehen, verpflichten und dazu, sie und ihre Reichtum zu verteidigen. In ihnen liegen alle Möglichkeiten, unseren persönlichen Handlungsspielraum zu vergrößern und positive Werte zu entwickeln: Werte des Teilens, Gebens, der Pflege.“

Da entsteht keine isolierte Vision, die einen Alleinvertretungsanspruch verfolgt und sich im Konflikt mit anderen Idealen kämpferisch durchsetzen muss. Vielmehr geht es um das Recht, unterschiedliche Visionen nebeneinander bestehen zu lassen. Die Zukunft zu verteidigen heißt, die Vielfalt der möglichen Entwicklungen nicht von vornherein zu beschränken. Die Kontinuität der evolutionären Prozesse zum zentralen Wert zu machen bedeutet, zahlreiche Zukünfte zu ermöglichen. Das steht im krassen Widerspruch zu dem Diktum der ehemaligen britischen Premierminisein, die kategorisch behauptete: „There is no alternative!“ In einer offenen Zukunft liegt hingegen das Potenzial, aktiv und im Bewusstsein der eigenen evolutionären Möglichkeiten einzugreifen. Sie gibt den persönlichen Visionen erst eine Chance, sagt Hans- Peter Dürr:

„Die Leute sind immer unglücklich, wenn ich sage, die Zukunft ist nicht determiniert, und fragen: Wie soll ich mich eigentlich verhalten? Ich sage: Verhalte dich ganz normal. Du hast keine Chance zu wissen, was da an Möglichkeiten ist. Du verhältst dich so, dass du überhaupt nicht auf die Details guckst, sondern immer auf die für dich im Augenblick wesentlichen Dinge schaust. An denen orientierst du dich dann, und das Übrige lässt du eben laufen.“

Tatsächlich geht die moderne Grundlagenforschung davon aus, dass sich Zukunft zwar aus der Vergangenheit entwickelt, in ihrer tatsächlichen Ausprägung aber offen ist: Es gibt immer mehrere Zukünfte, deren Verwirklichung am ehesten in Wahrscheinlichkeiten auszudrücken ist: ein Denkmodell, das sich am ehesten mit dem verzweigten Geäst eines Baumes vergleichen lässt, bei dem aus einem Hauptstamm verschiedene Sprösslinge wachsen können. Was sich aus der Gegenwart in die Zukunft hinein entwickelt, ist damit überhaupt nicht festgelegt und balanciert sich immer wieder neu aus. Der gesellschaftliche Wandel kann sich nach diesem Modell deshalb auch durch Einzelpersonen vollziehen, die einer inneren Vision von einer lebenswerten Zukunft folgen und aus dieser subjektiven Sicht die wesentlichen Dinge tun.

Damit basiert die Arbeit der Possibilisten auf einem positiven Denken, das erst durch die Anerkennung des Leids zustande kommt. Doch statt angesichts der Krise die Gier, die Zerstörung, die Konflikte und Kriege für unvermeidlich zu erklären, handeln sie auf der Basis weit größeren Vertrauens, für das es kaum vernünftige, aber tiefe emotionale uns spirituelle Gründe gibt. Kern ist die Überzeugung, dass das Leben einen Sinn macht- dass die natürliche Welt weder konstantes Schlachtfeld noch ein sündiger Ort der Verführung ist, aus dem sich die menschliche Seele befreien müsse, um anderswo Frieden zu finden. Ihre Visionen mögen durchaus Ähnlichkeiten haben mit dem alten Mythos des Garten Edens. Der Unterschied liegt darin, dass wir diesen Garten überall dort schaffen können, wo wir leben, und die Vision nicht länger im Nebel der Transzendenz bleibt. Es kann uns durchaus Glück und Erfüllung bringen, diese Aufgabe in unserem Leben anzugehen.

Statt sich den Träumen und Modellen von charismatischen Symbolgestalten anzuschließen, fördert die Vision die bunte Vielfalt persönlicher Entwürfe, aus denen eine neue Wirklichkeit entstehen soll.

Wurzeln des Engagements

Erst im Gespräch wird deutlich, dass die persönliche Neuorientierung in aller Regel das Produkt von ganz persönlich empfundenen Krisen war. Krisen, in denen das Modell des eigenen Weltbildes in Stücke zerfallen war und einer Leere und Orientierungslosigkeit Platz gemacht hatte, auf die meist zunächst mit Resignation, Rückzug und langsamer Neubesinnung reagiert wurde. Krisen, in denen die innere Zerrissenheit, das eine zu wissen und das andere zu tun, so unerträglich wurde, dass eine Not gewendet und eigene Werte entwickelt werden mussten. Die persönlich empfundene Krise erscheint hier als ein Miniaturmodell der gesellschaftlichen und globalen Krise, individuelle Orientierungslosigkeit wie ein Vexierspiegel der kollektiven Sinnkrise. Die notwendige Neuorientierung entwickelte sich in den seltensten Fällen aus dem Gefühl, die Welt retten zu wollen, vielmehr aus dem Impuls, die eigene Lebensqualität wiederherzustellen.

Das klingt, als bräuchte es buchstäblich einen gesunden Egoismus. Es scheint, das wir zur Evolution als Ganzes dann wirkungsvoll beitragen, wenn jeder Einzelne das eigene Potenzial im Sinne einer authentischen Selbstverwirklichung bestmöglich zur Entfaltung bringt. Das passt durchaus in die systemische Weltsicht, welche die Evolution ja letztlich als ein komplexes Zusammenspiel vielfältigster Einzelorganismen begreift. Dazu gehört offenbar eine große Achtsamkeit für die Urteile und Impulse der eigenen inneren Stimme: Fast alle der hier genannten Aktivisten haben nach Alternativen auf ihrem persönlichen Lebensweg gesucht, weil ihnen ihr Gefühl sagte, dass sie aus Gründen der eigenen Würde nicht weitermachen könnten wie bisher.

Um bei allem gesunden Eigeninteresse nicht in die Egozentrik abzugleiten, scheint es aber dringend notwendig, das eigene Engagement immer in den Kontext der Zugehörigkeit zu einem größeren Lebensnetz zu stellen. Tatsächlich berichten viele Aktivisten von einem tiefen Naturbezug, der weit über ein nur theoretisches Verständnis der gegenseitigen Abhängigkeit hinausgeht. Natur, und besonders in dem vom Menschen unangetasteten Zustand, gilt vielen als primärer Bezugspunkt, psychische Tankstelle, Maßstab des Handelns. Die konstante Rückbindung an das größere Ganze, seine kreative Vielfalt, ästhetische Schönheit, evolutionäre Geschichte und Ehrfurcht erweckende Komplexität hat kaum einer schöner formuliert als Jose Lutzenberger:

„Wenn ich neben einem Technokraten vor einem großen Naturereignis wie dem Zuckerhut in Rio de Janeiro stehe, denke ich: Mein Gott ist das toll. Wie ist denn das entstanden? Ja, das sin die Überbleibsel von einem gewaltigen Gebirge, das hier stand. Dann muss ich aber immer weiter zurückgehen. Dann sehe ich die Entstehung des Sonnensystems vor mir und muss sogar noch t viel weiter zurückgehen. Denn die Tatsache, dass es so einen Berg gibt, ist ja nur möglich, weil es hier Elemente wie Eisen und Kalzium und Magnesium gibt. Die wären in unserer Sonne nicht entstanden. Es muss also einige Milliarden Jahre vorher eine Supernova gegeben haben, deren Asche von unserem Sonnensystem aufgefangen worden ist. Je mehr ich über das alles nachdenke, desto faszinierender ist es. Das ist eine verehrende Einstellung. Jetzt guckt sich der Technokrat neben mir den Berg an und sagt: Was kann ich damit machen? Ist da Erz drin? Kann ich da vielleicht Uran rausholen? Wie viel kann ich daran verdienen? Beides sind höchst gefühlsgeladene Einstellungen, ab er mit entgegengesetzten Vorzeichen. Die eine ist von Ehrfurcht, Liebe, Freude und vor allem Mitgefühl geprägt. Die andere von Herrschaft. Und diesen Aspekt kapieren die wenigsten Menschen heute.“

Einsicht und Mitgefühl

 Edward Goldsmith: „Die moderne Wissenschaft hat die Gefühle verbannt. Das ist eine unweigerliche Konsequenz aus der Verfügung, dass wissenschaftliches Wissen objektiv sein muss. Die Wahrheit ist, dass der Mensch einfach nicht dafür geschaffen ist, sich auf emotionslose Art zu verhalten. Eine moralische und emotionale Verpflichtung ist erforderlich. In der Tat muss eine der Schlüsselaufgabe der Ökologie darin bestehen, unsere Emotionen so umzuleiten, dass sie die Aufgabe erfüllen können, für die sie bestimmt sind: Sie sollen uns helfen, die kritische Ordnung der Biosphäre zu bewahren.“

Eine Aussage mit weit reichenden Konsequenzen: Denn sie bedeutet, der vorgeblich rein rationalen wissenschaftlichen Analyse ganz bewusst einen emotional begründeten Standpunkt entgegenzusetzen. Sie lehnt es ab, die Probleme der Welt aus einer distanzierten Position nüchterner Sachlichkeit zu betrachten, und fordert offensiv subjektive und wertgebundene Stellungnahmen. Sie erklärt den Mythos wissenschaftlicher Objektivität für überholt und verweist darauf, dass nicht nur die scheinbar neutrale Wissenschaft eine Chimäre ist, sondern Erkennen und Handeln immer auch gefühlsgesteuert sind. Gefühle als Werkzeug des politischen Wandels zu nutzen ist der eigentliche Kern ganzheitlicher Ansätze: Mit ihnen wir die rationale Trennung zwischen einem äußeren Makrokosmos als der eigentlichen Wirklichkeit und dem inneren Mikrokosmos als Sphäre des Geistes, der Seele und Gefühlen aufgebrochen: Innen und Außen, Oben und Unten, Objektivität und Subjektivität, Geist und Materie, Mensch und Natur fließen zusammen.

Jose Lutzenberger: „Wenn ich etwas sehe was mir nicht passt, etwas was mich stört, tue ich etwas, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Wenn ich ein verletztes Tier sehe, versuche ich zu helfen, wenn ich irgendwo einen großen Dreck sehe dann räume ich den auf.“ Doch diese nahe liegende menschliche Reaktion entsteht nur durch die emotionale Qualität der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Je tiefer diese Beziehung ist, desto größer wird der Impuls zum Handeln. Beziehung aber hat eine emotionale Qualität. Damit ist auch die gesamte systemische Weltsicht, die letztlich nichts anderes tut, als das Netzwerk der Beziehungen zu untersuchen, weit mehr als ein intellektuelles Modell- sie offenbart vielmehr die Strukturen unserer emotionalen Verbundenheit untereinander und mit der Welt.

In allen religiösen Traditionen der Welt steht das Mitgefühl für die Fähigkeit, den begrenzten eigenen Standpunkt zu transzendieren und die Wirklichkeit aus der Perspektive eines leidenden Mitmenschen zu erfahren. Sein Ruf nach Hilfe, Solidarität und Unterstützung soll auf diesem Weg nicht nur gehört, sondern als persönlicher Schmerz empfunden werden und dazu führen, dass man sich für den anderen ebenso einsetzt wie für sich selbst. Ganzheitliches ökologisches Denken geht hier noch einen entscheidenden Schritt weiter, sagt Leonardo Buff:

„Nicht nur die Armen rufen um Hilfe, sondern auch das Wasser, die Tiere, die Wälder, der Erdboden, letztlich die ganze Erde als lebender Superorganismus, den wir Gaia nennen. Sie rufen um Hilfe, weil sie kontinuierlich Angriffen ausgesetzt sind. Sie rufen nach Unterstützung, weil ihre Autonomie und ihr innerer Wert nicht wahrgenommen werden.“

Die innere Bereitschaft, diesen Ruf zu hören, ist die eigentliche Basis des umfassenden Engagements, ob es nun von indianischen Aktivisten im Amazonas, indischen Baumumarmern, europäischen Initiativen zum Schutz der Wildnis oder brasilianischen Sozialaktivisten ausgeht.

Wir sind Teil eines zeitlosen Kreislaufes: Der Kohlenstoff unseres Körpers war schon 600 mal Biomasse, der Phosphor gar 8000 mal. Unser Körperwasser war einmal Gletschereis der Anden, Wasser des Pazifik, regen eines Hurrikan, Blut eines Dinosauriers, Grundwasser in der Tiefe der Erde. Jedes Molekül unseres Körpers war schon einmal Stein oder Grashüpfer, Baum oder Blume. Was wir Steine, Luft und Ozeane nennen, sind die Knochen, der Atem und das Blut unserer nichtmenschlichen Vorfahren.

Zahlreiche ökologische Denker haben sich mit Möglichkeiten beschäftigt, das menschliche Selbstbewusstsein nicht nur auf den Organismus innerhalb der Grenzen der Haut zu beschränken, sondern die größeren Kreisläufe, die den Organismus am Leben erhalten, mit in das menschliche selbstbild einzubeziehen. Der Anthropologe Gregory Bateson hat davon gesprochen, das Leben nicht mehr länger als etwas zu verstehen, das durch die Haut begrenzt ist, und stattdessen anzufangen, sich mit dem Überleben des Systems von Ideen in einen Kreislauf zu befassen.

Wer sein eigentliches Selbstbild auch Teile der Mitwelt einbeziehen kann, wird diese Mitwelt als Teil seines Selbst bereitwillig und ohne moralischen Druck schützen. Wir müssen anerkennen, dass wir als Knoten im Netz des Lebens Teil eines größeren Ganzen sind, und uns selbst als denkende Natur begreifen. Aus dieser Einsicht heraus kann eine Haltung entstehen, in der der Mensch auf der Basis des Mitfühlens beginnt, für die Natur mitzudenken und damit der Erde eine Stimme zu geben.

Ökologische Spiritualität

Ganzheitliche philosophische Schulen reichen zurück über Mahatma Gandhi, Spinoza, Goethe bis zu den mittelalterlichen Mystikern und Heraklit im alten Griechenland. Die ehrfürchtige Wahrnehmung der Natur als etwas Heiliges, Belebtes, Lebendiges ist durchaus nicht neu- sie scheint vielmehr zu den ältesten kulturellen Traditionen der Menschheit zu gehören.

Innerhalb und außerhalb der religiösen Institutionen wird also seit gut 25 Jahren eine Spiritualität wiederentdeckt, die den alten Dualismus infrage stellt und in der die Grenzlinie zwischen Meditation und Aktion verschwimmt. All diese Traditionen- sei es die Schöpfungsspiritualität der Christen oder der engagierte Buddhismus, die Wiederentdeckung der Mystik und des Schamanismus, der Rückbezug zur weiblichen Spiritualität matriarchaler Kulturen oder zur Naturweisheit eingeborener Völker- betonen in eigenen Worten und Metaphern das Beziehungsgeflecht unserer Welt und die Heiligkeit des Seins.

 Frijtjof Capra: „Ökologie im tiefsten Sinne beruht auf einem Bewusstsein der Verknüpftheit aller Phänomene, der Zugehörigkeit zum Ganzen, des Eingebettetseins im Ganzen. Und das ist auch religiöses Bewusstsein. Daher ist ein tief ökologisches Bewusstsein ein spirituelles oder religiöses Bewusstsein. Und eine Wissenschaft, die auf diesem Bewusstsein letztlich beruht, wird diese Parallelen mit den großen Traditionen zeigen.“

Diese Einsicht war gerade für die ökologischen Aktivisten des Westens eine enorme Herausforderung. Denn historisch galt der religiöse Weg als eine Form des Rückzugs von der Welt, bei dem die innere Suche nach individuellem Frieden gleichzusetzen war mit einer letztlich unpolitischen Zufriedenheit im All- Einen. Deshalb war Religion für Lenin und die gesamte sozialistische Bewegung Opium fürs Volk: Sie schien passiv zu machen und gut zu regierende, anpassungsfähige Streber nach dem Paradies zu züchten, nicht aber stolze, konsequente, kreative und unbeugsame Aktivisten für den Kampf um soziale Gerechtigkeit hervorzubringen. Selbstbestimmung war gleichbedeutend mit dem mühsamen Kampf gegen religiöse Entmündigung und schicksalsgläubige Apathie, die das eigenständige Denken verhinderten. Hinzu kam schließlich- gerade in Deutschland- die grausame Erfahrung einer faschistischen Naturmystik, die erfolgreich alte Gottheiten und Mythen vor den Karren der Politik gespannt hatte, die zu rassistischem Völkermord und Weltkrieg geführt hatte.

Grüne Politik war deshalb untrennbar mit Multikulti, Anti- Imperialismus, Pazifismus, Frauenpower und sozialen Reformen verknüpft. Ganzheitliche Mystik, Rituale, Naturverehrung und Spiritualität galten als Symbole des Gestrigen- verstaubt, muffig, politisch unbewusst und gefährlich. Die Renaissance der Mystik- sei sie indianisch, sufistisch, buddhistisch, christlich oder schamanisch- wurde nicht als drängende Suche nach neuen, ganzheitlichen Denk- und Wahrnehmungsmustern begriffen.

Deshalb versuchten viele westlich geprägte Umwelt- und Sozialaktivisten, ihre eigentliche persönliche Kraftquelle- den spirituellen Bezug zur Mitwelt als das tragende größere Ganze- wie eine etwas anrüchige Privatsache zu behandeln. Sie schien, schon weil sie als irrational galt, in der politischen Auseinandersetzung eher zu schaden, als zu nutzen. Wer Aktivisten wie den chilenischen Barfuß- Ökonomen Manfred Max- Neef auf ihre Spiritualität anspricht, erhält eine ebenso zögerliche wie differenzierte Antwort.

Ganzheitliche ökologische Initiativen versuchen deshalb immer öfter, an religiöse Gefühle, ganzheitliche Erfahrung, verbindende Mythen zu erinnern.

Panentheismus- alles ist in Gott- oder Pantheismus- Gott ist in allem. Die moderne systemische Sicht spricht letztendlich nur mit anderen Worten vom gleichen Inhalt, um unsichtbare Phänomene vorstellbar zu machen. Ihre Begriffe lauten Interdependenz, Homöostase, Synergie. Physikalisch sind beide Sichtweisen, die alte wie die neue, nur schwer beweisbar. Aus der rationalen Perspektive der modernen Welt wird über eine solche Haltung deshalb gelächelt, von Aberglaube und Rückkehr in die Steinzeit gesprochen. Die Systemwissenschaftlerin Donella Meadows sieht das anders:

„Ich glaube, die tiefen Werte und die natürliche Ethik sind universal, sie haben sich nicht verändert und sollten sehr ernst genommen werden. Ohne dass ich sagen könnte, warum, haben Menschen diesen Sinn für Liebe, Ehrlichkeit und Verpflichtung gegenüber ihren Kindern und Familien, diese Sehnsucht nach Harmonie mit ihrer Umwelt und eine Liebe für die Pflanzen und Tiere, die sie umgeben. Wir sin damit dieser Ahnung geboren worden, dass es einen höheren Sinn und eine höhere Macht gibt, die wir- unabhängig davon, wie wir sie benennen- nicht verstehen können. Wir wurden auch mit einem Gerechtigkeitsgefühl geboren, das sich rührt, wenn es an Fairness mangelt, wenn Menschen leiden oder unterdrückt werden. Wir wurden mit einer Sehnsucht nach Freiheit und der Fähigkeit geboren, so zu werden, wie wir sind, und auf diese Weise der Gemeinschaft zu dienen. Ebenso kommen wir mit dem Bedürfnis nach Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung auf die Welt. All das sind zeitlose menschliche Werte. Also geht es darum, neue Gesellschaften für diese Werte zu erschaffen.“

Da wird Glaube als mögliches Transportmittel für nachhaltige Werte neu definiert. Er wird aber nicht von einem höheren transzendenten Wesen abgeleitet, das getrennt von der Natur aus höheren Spähren zu uns spricht, sondern aus der Natur selbst. Er hat nichts Konfessionelles oder Kulturgebendes, sondern gilt zeitlos und global. Dieser Glaube will nicht bekehren, sondern an gemeinsame Werte erinnern, sagt der Ökophilosoph Edward Goldsmith:

„Die ökologische Sichtweise, die ich vorschlage, hat sicher etwas Religiöses. Aber ich fordere nicht, dass alle Menschen die gleiche Religion haben sollten. Ich glaube vielmehr, dass alle Religionen auf den gleichen Grundlagen aufbauen, genauso wie es in den verschiedenen traditionellen Gesellschaften der Fall war. Es ist auch gar nicht überraschend, dass sich die Religionen ähneln. Auch alle lebenden Dinge ähneln sich. Man kann eine riesige Vielfalt von unterschiedlichen lebenden Wesen haben, und sie sind sich trotzdem grundsätzlich sehr ähnlich. Das Gleiche gilt für die Grundsätze der Religionen und Weltbilder.“

 

Die Grundsätze sind überall die gleichen, glaubt auch der Befreiungstheologe Leonardo Buff. Sie lauten Solidarität, Mitgefühl, Sorge, Gemeinschaft und Liebe. „In solchen Dimensionen zu leben heißt wirkliche Spiritualität zu leben. Und diese Spiritualität ist nicht das Monopol von Religionen oder Kirchen, sondern die tiefste Wahrheit des Menschen selbst. Mit ihrer Hilfe sehen wir alle Dinge im Universum nicht länger als nebeneinander stehend, sondern als verbunden und sich gegenseitig beeinflussend. Jeder Knotenpunkt verbindet und rückverbindet uns mit allem anderen in der heiligen Einheit des Universums. Diese verborgenen Verbindungen sind die Quellen alles Seienden. Und genau das nennen die Religionen Gott.“

Zahlreiche Initiativen haben deshalb alte Mythen und Rituale benutzt, um neben den politischen Argumenten als Denkfutter für den Kopf auch die Herzen und das Bewusstsein zu erreichen: Legenden, Tänze, Rituale, Lieder, Liturgien.

Statt nur nach innen gerichteter Versenkung entsteht so etwas wie eine Mystik, in der Meditation und soziale oder ökologische Aktion nicht länger getrennt sein müssen, sondern eins werden. Der Weg der geistigen Suche wird nicht länger als eine Flucht aus der schlechten Welt in irgendeinen paradiesischen Himmel angesehen. Vielmehr wird hier die Welt selbst zum Kloster. Sie wird als Arena einer geistigen Transformation verstanden und wird selbst zum geistigen Lehrer oder gar heiligen Ort. Das Bild des Göttlichen oder Heiligen, das dahinter steht, unterscheidet sich grundsätzlich von jeder Vorstellung eines persönlichen Gottes. Für Hans- Peter Dürr ist Gott ein Gleichnis für die alles hervorbringende Potenzialität, ein Möglichkeitsfeld, in das wir Menschen eingebettet sind. Vandana Shiva sieht das Göttliche in der ununterbrochenen Selbstorganisation, die immer auch die Idee ihrer weiteren Entfaltung samt aller Baupläne und Ausformungen in sich trägt. Für Jose Lutzenberger ist es der evolutionäre Prozess selbst, in dem sich das Göttliche immer weiter manifestiert. Michael Succow glaubt an das Leben selbst. Allen, die mit diesem Dialog zwischen Wissenschaft und Spiritualität ernst machen, ist gemeinsam, dass sie den Grund unserer Wirklichkeit als immateriell erkennen, als kreativ vernetztes Zusammenspiel, als geistiges Prinzip, das Materie und Leben erst hervorbringt. Das ist ein großes, manchmal verschwommenes und nicht immer leicht fassbares Bild, sagt der englische Philosoph George Trevelyan:

„Es gibt keinen lebenden Organismus in einer toten mechanistischen Welt. Wir müssen ein Gefühl bekommen für das Bild von Organismen in einem größeren Organismus. Alles ist Leben oder in Verbindung damit. Und alles ist Form von Bewusstsein. Das Ganze ist heilig. Gott ist nicht länger außerhalb der Welt. Alles, was Natur ist, ist Teil des Ganzen. Wenn wir uns die Natur als Körper vorstellen, dann ist Gott so etwas wie die Seele.“

 Ein solcher Gott ist immanent in allem, identisch  mit allem Seienden und damit eigentlich pantheistisch. Ein solcher Gott denkt und plant nicht, ist aber als Ganzes Ausdruck von Intelligenz. Der englische Biologe Rupert Sheldrake spricht unverhohlen von einer Rückkehr des Animismus auf einer höheren Ebene der Erkenntnisspirale.

Die Gaia- Theorie, die wissenschaftlich begründet die Selbsterschaffung der Biosphäre, ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur und Weiterentwicklung, ihr fließendes Gleichgewicht und ihre schöpferische Kreativität als Eigenschaften eines lebenden Superorganismus beschrieb ist eine wissenschaftlich infizierte Herangehensweise an das, was man Gott genannt hat. Das ist ein Weg- mit biologischen und ökologischen Termini- zu sagen: Alles hängt zusammen.

Der spirituelle Bezug zum größeren Ganzen wird in den seltensten Fällen nach außen getragen. Er wirkt als innere Kraftquelle und ist eher Ausdruck der Tiefe der Verbundenheit. Und der Bezug ist individuell: Für theologische Denker kann sich die Spiritualität auf ein konkretes Gottesbild beziehen, andere mögen das Gefühl der Ehrfurcht und Verehrung ganz anders benennen.

Tiefer Selbstbezug gilt hier als die Basis dafür, sich von den Verlockungen der Konsumgesellschaft zu befreien. Innere Emanzipation wird zur Voraussetzung für die Vision von gesellschaftlicher Freiheit und Selbstbestimmung.

Wer aus einem rein rationalen Weltbild aussteigt und es von außen betrachtet, kommt zu der Erkenntnis, dass es überhaupt nicht vernünftig und rational oder objektiv ist. Stattdessen wird deutlich, dass das industrielle Wachstumssystem, fern aller Beteuerungen der wissenschaftlichen Rationalität, selbst einem Glauben folgt, der wie ein religiöses Dogma wirkt. „Diese globale industrielle Kultur, die wir in ihrem letzten Auswuchs, der Konsumgesellschaft, erleben, ist ja im Grunde eine fanatische und messianische Religion“, sagt Jose Lutzenberger.

Der deutsche Ökophilosoph Carl Amery hat in seinem Buch Global Exit herausgearbeitet, wie der totale, globalisierte Markt gleich einer fundamentalistischen Religion eigene Werte setzt, absolute Wahrheiten proklamiert, einen neuen Menschen schaffen will und die Seelen der Menschen verändert- alles aufgrund der inneren Logik einer Heilslehre vom Wohlstandsparadies.

Damit eröffnet der Zugang zur eigenen Spiritualität die Möglichkeit, die mythologischen und weder wertfreien noch rationalen Grundüberzeugungen der industriellen Wachstumskultur zu erkennen. Auf diese Weise muss sich die Kritik am scheinbar objektiven und angeblich alternativlosen wissenschaftlich- rationalen Weltbild nicht auf die sachliche argumentative Ebene beschränken, sondern kann auf dessen viel tiefer liegende innere Widersprüche hinweisen.

Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich aus Angst, Isolation und Enttäuschung keine Zukunft gestalten lässt. Im Gegenteil: dass Zukunft uns vielmehr anziehen muss mit der Kraft des Eros, inspiriert sein muss von inneren Visionen der Lebensqualität, des Friedens und der Liebe. Politisches Engagement für eine lebenswerte Zukunft bleibt unverändert wichtig. Doch die Einsicht wächst, dass es auch das innere Feuer derer braucht, die daran arbeiten, den Wandel für die Welt schon in sich selbst zu entfalten.

Es geht nicht darum, das Moderne zu verwerfen, sondern Altes und Neues so zu kombinieren, dass daraus eine Synthese wird, die uns hilft, eine Lebensform zu finden, die umweltverträglich ist und gleichzeitig sechs Mrd. Menschen auf der Erde vertragen kann.

Engagierter Buddhismus

Tatsächlich ist der engagierte Buddhismus, wie er besonders von den populären Protagonisten vertreten wird, ein Paradebeispiel dafür, wie innere spirituelle Entwicklung und sozial- ökologische Aktion eine höchst wirkungsvolle Synthese eingehen können. Kern dieser Lehre ist zunächst die Entwicklung einer absoluten Achtsamkeit uns selbst und der Welt gegenüber: Aus der mitfühlenden Wahrnehmung des Leids entsteht die Einsicht in die Ursachen des Leids, der Möglichkeiten der Überwindung des Leids und die Verpflichtung, diesen Weg engagiert zu beschreiten.

„Form, Gefühl, Wahrnehmung, geistige Konzepte, Bewusstsein, all das ist nicht dein Selbst. Das sind nur Elemente, aus denen sich dein sog. Selbst zusammensetzt. Wenn du dich selbst tief betrachtest, dann ist alles, was du betrachtest, du selbst. Spekulationen über Sein und Nicht- Sein hören auf, wenn du die Einsicht in das Intersein hast. Intersein heißt, du kannst nicht sein, ohne mit dem ganzen Kosmos verbunden zu sein.“

Wer sein Leben einrichtet auf diese Wahrheit, muss konsequenterweise all seine Beziehungen zur Mitwelt und ihren Bewohnern überdenken, die Form des Konsums, des Wirtschaftens und  der Politik. Die Warnung, dass wir mit der Zerstörung der Umwelt uns selbst zerstören, bekommt in dieser Sichtweise eine ganz neue Brisanz. Diese Gendanken bilden die grundlabe für eine tief greifende Neuinterpretation spiritueller Praxis: Statt der Welt den Rücken zu kehren und sich der eigenen Erleuchtung zu widmen, fordert Thich Nhat Hanh die unbedingte Synthese aus geistigem Wachstum und sozialem Engagement, wenn er sagt, man müsse die Meditationshalle verlassen und helfen, ohne die Meditation zu verlassen. Die ungeschriebenen Regeln dieses Ansatzes, der rund um den Erdball von vielen praktiziert wird, lauten: Innehalten, Stillwerden, Hinschauen. Nicht nur- quasi im Eilzug zur Erleuchtung- auf dem Meditationskissen, sondern beim Atmen, beim Gehen, beim Essen, bei allen Aktivitäten: pausenlos achtsam sein.

Ähnlich wie in der systemischen Sicht die Aufmerksamkeit von den Objekten hin zu den Beziehungen verschiebt, konzentriert sich die buddhistische Sicht mit den Begriffen Interbeing, anicca und anacca auf die Prozesse zwischen den Objekten. Was wissenschaftlich als positives oder negatives Feedback bezeichnet wird, lässt sich durchaus mit dem buddhistischen Begriff des karma vergleichen, der auf die Kreislaufprozesse hinweist, die sich aus dem eigenen Handeln ergeben. Die vordergründige, monokausale Wirklichkeit, die bei den Buddhisten mit dem Begriff maya als Täuschung bezeichnet wird, kann ohne große Abstriche auch auf das mechanistisch- lineare Weltbild angewendet werden. Der Aktivismus, der sich aus dieser Einsicht entwickelt, baut aus buddhistischer Perspektive auf liebende Güte (metta), Mitgefühl (karuna), Mitfreude (mudita) und Gleichmut (upekkha).

Sulak Siveraska: Ökologie und Spiritualität sind im Buddhismus eng verknüpft. Spiritualität heißt zu wissen, wer wir sind, unsere Grenzen und negative Anteile zu kennen. Negatives kann in Positives verwandelt werden, aus Ärger kann Liebe werden. Daran muss man nicht glauben, sondern man muss es praktizieren. Dann ist es möglich.“

„Um die heutige Gesellschaft zu verstehen, muss man die Strukturen der Gewalt begreifen. Man muss die Strukturen verändern, statt den Unterdrücker anzugreifen. Statt sich im Kampf gegen äußere Feinde zu verausgaben, geht es darum, den inneren Feind, die große Illusion, zu bekämpfen. Ziel der Meditation ist es, zu erkennen, dass man selbst Teil eines Systems ist, das den Konsum, unmoralische Wissenschaft oder Umweltzerstörung fördert und die Armen unterdrückt. Wir sollten unsere Feinde lieben, weil sie nicht wissen, was sie tun.“

Die Aktivitäten des engagierten Buddhismus heben sich dadurch hervor, dass sie frei sind von missionarischem Eifer und statt einer nur spirituellen Dimension auch das gemeinsame soziale Engagement betonen. Psychologisches Werkzeug ist auch hier das Mitgefühl, mit dem Leiden in der Welt, wobei die Trennung zwischen dem Individuum und der Welt mit der Philosophie des Interbeing irrelevant wird. Die Arbeit findet wohl deshalb so viel Nachhall, weil hier die uralte Trennung zwischen politischer Aktion und spirituellem Wachstum erfolgreich aufgehoben wird. Die meditative Praxis der Achtsamkeit dient nicht länger dem Zweck, erleuchtet der Realität entgegen zu schweben, sondern soll als Treibstoff für soziales Handeln wirken. Wachheit führt zu Mitgefühl und dem Impuls der Veränderung, die im Alltag beginnen müssen.

Schöpfungsspiritualität und Befreiungstheologie

Die der Theologie der Befreiung handelt es sich um einen seit Ende der 60er Jahre entwickelten Versuch, das weit verbreitete soziale und wirtschaftliche Elend des lateinamerikanischen Kontinents in die theologische Reflexion aufzunehmen und praktisch darauf zu reagieren. Vor allem in den dazu gegründeten Basisgemeinden, von denen es mittlerweile über 100 000 gibt, haben sich von Armut und Marginalisierung betroffene und gläubige Menschen zusammengefunden, um gemeinsam mit Kirchenleuten Wege aus dem Elend zu finden und eine Befreiung von der Knechtschaft der Armut einzuleiten. Kennzeichnend für diesen theologischen Ansatz ist es, dass nicht von der vatikanischen Interpretation der Bibel ausgegangen wird, sondern von der Situation des Elends. Zunächst werden die Ursachen des Elends analysiert, dann wird versucht, mit praktischen Maßnahmen diese Ursachen zu überwinden. Die theologischen Aussagen, die aus der sozialen Praxis heraus formuliert werden, interpretieren die Botschaft Jesu auf eine radikale Weise neu:

„Jesus fühlt sich gesandt, um den Blinden das Augenlicht zu bringen, d.h. denen, die noch blind für die perverse Logik des Produktionsprozesses sind, welcher so viele Millionen ausgrenzt, eine andere Sicht zu verleihen, eine Sicht der Kooperation und der Solidarität unter allen, um die Erde und die Menschheit zu retten. Jesus fühlt sich gesandt, um die Geschundenen in Freiheit zu setzen, d.h. die Resignierten und Verzweifelten unter dem Einheitsdenken und den Systemzwängen werden wieder frei um kreativ denken und handeln zu können. Und schließlich: Jesus fühlt sich gesandt, um ein Gnadenjahr des Herrn auszurufen, d.h. aktualisierend, dass ein neues Paradigma der zwischenmenschlichen Beziehungen, der sorgfältigen Achtsamkeit vor der Schöpfung und der liebevollen Zuwendung zu Gott in Gang gesetzt wird.“

Der Gedankengang ist folgender: Die Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten führt zu Ungerechtigkeit. Dies ist eine Sünde und damit gegen Gott. Armut kann deshalb nicht von Gott gewollt sein. Insofern ist die Befreiung vom Glauben unterstützt und inspiriert.

„Statt als personaler Gott, der als einsamer Herrscher außerhalb der Welt wohnt, erscheint das Heilige von innen her, als das alles einende Band und der gemeinsame Nenner, auf dem alles ruht“, sagt Leonardo Buff. „Gott leuchtet in jedem Wesen auf, klingt in jeder Beziehung an und bricht in jedem Ökosystem durch. Vor allem aber sakramentalisiert er sich im Leben einer jeden menschlichen Person, da jede Person ein Knäuel von Beziehungen in verschiedenen Richtungen ist.“

Klassische theologische Kategorien wie Schuld und Ursünde, die den Menschen ein negatives Selbstbild vermittelten, werden hier durch Metaphern der Ganzheit, der Göttlichkeit und Heiligkeit ersetzt. Statt schuldig durch die Welt zu gehen und auf ein jenseitiges Paradies zu hoffen, kann der Mensch mit einem solchen Glauben kreativ handelnd werden. Er bleibt nicht länger passiver Zuschauer des Weltspektakels, sondern wird zum aktiven Mitspieler, wobei es  im globalen Zusammenspiel auf jede Tat eines jeden Individuums ankommt. Mehr noch: Auf der Basis einer neuen Schöpfungsgeschichte wird der Mensch zum Organ eines Universums, das mithilfe des evolutionär entstandenen reflektiven Bewusstseins damit begonnen hat, sich selbst zu betrachten, über sich selbst nachzudenken und Liebe zu Ausdruck zu bringen: „Wir Menschen, Männer und Frauen, geben er Erde die Möglichkeit, ihre überwältigende Schönheit zu sehen, über ihre unglaubliche Komplexität zu meditieren und auf eine spirituelle Enddeckungsreise ihrer innersten Geheimnisse zu gehen.

„Je höher die Entwicklung steigt, desto komplexer wird sie; je komplexer sie wird, desto bewusster wird sie; je bewusster sie wird, desto mehr konvergiert sie in dem einen Punkt, in dem sich alles konzentriert und synthetisiert und eine höhere Einheit bildet. Der Mensch stellt eine solche höhere Einheit dar. Demnach stünde uns der Ausbruch von etwas absolut Neuem in der Geschichte des Planeten bevor.“ Leonardo Buff

In Buffs Weltbild und seiner Vision der menschlichen Möglichkeiten verbinden sich ökologisch- systemische Wissenschaft und tiefste christliche Mystik. Doch die ganzheitliche Weltsicht bleibt keine pure Innenschau wie bei zahlreichen Mystikern und Eremiten der Vergangenheit. Sein Engagement reicht vom Aufbau eine Straßenkinderprojekts über die Betreuung von Basisgemeinden bis hin zur Formulierung einer Charta der Erde. Dabei bemüht er sich bewusst, dem mittlerweile meist negativ besetzten Begriff der Globalisierung ein positives Bild gegenüberzustellen, das er Mundialisierung nennt. Damit will er deutlich machen, dass es nicht um die Ablehnung oder Bekämpfung einer neuen Weltgesellschaft geht, sondern um ihre ethische Ausrichtung, ihre demokratische Struktur, die Gerechtigkeit ihrer sozialen Systeme und ihre innere Nachhaltigkeit.

„Wir erleben den Anbruch eines neuen Zeitalters. Dies ist das Zeitalter der Mundialisierung. Zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte treten wir als Menschheit auf, d.h. als ein einziger und zugleich diversifizierter Komplex von Männern und Frauen, mit zahllosen Kulturen, Entwicklungen und Einrichtungen. Dabei ist Anthropozentrismus, welcher Art auch immer, deplaziert. Unser Platz ist innerhalb des Gesamtsystems des Lebens und nicht einfach im Konzert der Völker, Rassen und Nationen. Wir sind erdgebundene Geschöpfe, Ausdruck des bewussten Teil des Planeten Erde, und deshalb müssen wir auch demokratisch zusammenleben und mit den anderen Lebewesen der Erde die Lebensmöglichkeiten des Planeten gerecht mit ihnen teilen. Gemeinsam mit dem planetarischen Bewusstsein vollzieht sich  der Mundialisierungsprozess durch den Weltmarkt, durch Wissenschaft, Technologie, Kommunikation, Information, Politik und eine allgemeine Rückkehr des Mystischen und des Religiösen in die Weltgesellschaft.“

„Unsere Rationalität hat inflationäre Ausmaße erreicht. Die größte Krise ist nicht die ökonomische Instabilität oder das mangelhafte politische System, sondern der Mangel an Sensibilität. Die Grundstruktur des Menschen ist nicht der Logos, das Denken, sondern Fathos, die Sympathie, die Fähigkeit, sich berühren zu lassen und zu fühlen.“

Bilden intellektuelles Wissen und die emotionale oder spirituelle Erfahrung der Verbundenheit eine Synthese, bekommen auch politische Begriffe wie Demokratie und Ökonomie einen neuen Inhalt. Sie werden universale Werte, die gleichermaßen in der biosphärischen wie der menschlichen Gemeinschaft Anwendung finden. Dazu gehören größtmögliche Partizipation, Bewahrung der Vielfalt, Solidarität, Gerechtigkeit, Schutz der Grundbedürfnisse und Lebensrechte. Aus einem sozialen wird ein planetarisches und ökologisches Demokratieverständnis. Es versteht den Menschen nicht als isoliertes Individuum, sondern als Beziehungswesen. Es begreift die Menschheit als Gesamtheit, die sich in kollektiver Subjektivität über ihre Bürger artikuliert und evolutionär weiterentwickelt- gesellschaftlich wie innerlich. Das dynamische Gleichgewicht einer solchen planetaren Demokratie baut auf die Prinzipien von Mitgefühl und Solidarität, ihr höchstes Gut ist der Schutz der irdischen Gemeinschaft. Daraus ergeben sich neue Ansätze einer Pädagogik, die das planetare Bewusstsein zum Leitwert macht, und einer politischen Ökonomie, die mit den begrenzten Ressourcen haushälterisch umgeht und Entwicklungsstrategien erarbeitet, die statt der Quantität die Qualität in den Mittelpunkt stellen.

Wenn wir die Welt umarmen, umarmen wir Gott. Die Spiritualität, von der hier die Rede ist, wietet nicht nur das Menschen- und das Gottesbild, sondern geht auch über die herkömmliche Definition des Religiösen hinaus. Gemeint ist keine Konfession, die Tempel, Kirchen oder Liturgien braucht, um sich zum Ausdruck zu bringen. Der Zugang zu ihm kann christlich, buddhistisch, islamisch oder schamanisch, ja atheistisch sein. Sie spricht von der menschlichen Fähigkeit, in einen Dialog mit dem tiefsten Kern des Selbst zu treten und mit dem intuitiven Wissen und Fühlen das dort ruht in Einklang zu kommen. Sie gibt keine Dogmen vor, sondern soll als Kraftquelle dienen- für Anhänger eines der vielen Glaubenssysteme ebenso wie für Nichtglaubende. Sie erscheint damit nicht mehr als Feind der Vernunft, der politischen Rationalität und der kühlen Analyse. Wenn es stimmt, dass das moderne ökologisch- systemische Verständnis der Wirklichkeit letztlich nur der wissenschaftliche Ausdruck universaler und zeitloser Erkenntnisse ist, dann ist ökologische Spiritualität auf intuitive, emotionale und mystische Weise die andere Seite der Münze.

„Mystik bedeutet nichts anderes als das Leben in seiner Radikalität und letzten Dichte zu sehen. Mystik befähigt uns zu vermuten, dass hinter den Strukturen des Realen nicht das Absurde und der Abgrund mit ihren Schrecken lauern, sondern dass dort Zärtlichkeit, Zuwendung und liebevolle Geheimnisse herrschen. An diesem Punkt beginnt eigentlich erst das Leben.“

 

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